Keramikmeilerbrand auf der Zeiteninsel

Im August trafen sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer der letzten Keramik-Workshops (wir berichteten), um ihre nach prähistorischen Vorlagen gefertigten Gefäße zu brennen.

In den vergangenen Jahren hatten wir bereits mit Grubenbränden oder offenen Feldbränden Erfahrungen gesammelt. Diesmal haben wir uns auf Anregung der Kursleiterin Susanne Gütter mit einem anderen Brennverfahren etwas Besonderes vorgenommen: Einen sogenannten Meilerbrand, bei dem unter einer Rasensodenabdeckung durch den Entzug von Sauerstoff während des gesamten Brennverlaufs die typische Schwarzfärbung bis in den Kern vorgeschichtlicher Keramikgefäße erzielt wird. Im Gegensatz zu den Gruben- oder Feldbränden wird hier das gesamte Brennmaterial bereits vor dem Entzünden des Feuers eingebaut.

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Archäologisch lassen sich Brennverfahren wie Gruben- oder Meilerbrände von Keramik kaum nachweisen, da eventuell erhaltene Feuergruben durchaus unterschiedlich genutzt worden sein können.
Eindeutige Nachweise über die Art des Keramikbrandes stehen erst zur Verfügung, als Öfen gebaut wurden, wie sie z. B. in Einzelfällen aus der Jungsteinzeit (Trichterbecherkultur), häufiger jedoch erst aus der späten Bronzezeit und Eisenzeit bekannt sind.
Im Lahntal wurden bei Ausgrabungen Nachweise für Keramik-Brennöfen aus der Latènezeit (Eisenzeit) gefunden, die zu einem späteren Zeitpunkt auch auf der Zeiteninsel rekonstruiert werden sollen.

Meiler sind uns von der Holzkohleherstellung bekannt. Holz wird dabei in einer Kegelform aufgestapelt und dann mit Erde luftdicht verschlossen, bis auf eine Stelle oben, die freigelassen wird. Hier werden dann glühende Kohle eingebracht und danach die Lücke geschlossen. Nun beginnt der Vorgang der Verkohlung, der durch kontrollierte Luftzufuhr durch Zuglöcher gesteuert und überwacht werden kann.

Wir haben für unseren Meilerbrand zunächst eine bereits vorhandene Grube mit einem Durchmesser von 1,80 m auf ca. 45 cm vertieft. Auf den Grund wurde eine Schicht Brennmaterial (Reisig, dünne Zweige und eine 5 cm dicke Lage Stroh) aufgebracht.
Nun wurden die Gefäße mit Heu gefüllt und kleinere Gefäße in größere eingesetzt. Anschließend wurden die Gefäße vorsichtig mit der Öffnung nach unten auf das Strohbett eingesetzt. Eine bemalte Schüssel, die nicht ganz schwarz gebrannt werden sollte, wurde mit der Öffnung nach oben im Oberbereich platziert.

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Auch eine Serie von lokalen Tonproben und Gefäßnachbildungen einer endneolithischen Fundstelle der Wartbergkultur bei Wittelsberg, die im Rahmen eines Forschungsprojektes von Marianne Talma (Christian-Albrechts-Universität Kiel) und Susanne Gütter angefertigt worden waren, fanden in unserem Meiler Platz. Eine Reihe von sogenannten „Segerkegeln“ sollte durch ihre definierte Schmelztemperatur die erzielte Brenntemperatur anzeigen.

Das Brenngut wurde nun mit weiterem Stroh und Brennholz überdeckt, wobei wir überwiegend gutes Buchen-Leseholz mit Durchmessern bis 5 cm verwendeten.

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Es wurde wesentlich weniger Brennmaterial verwendet als bei unseren anderen Bränden, bei denen während des Brandes laufend nachgelegt werden musste.

Zuletzt wurden abgestochene Rasensoden kuppelartig um Keramik und Brennmaterial herum aufgeschichtet, wodurch quasi ein geschlossener „Einmalofen“ entstand. Aufgrund der Trockenheit der letzten Monate waren die Soden porös und nicht feucht, was wahrscheinlich einen deutlichen Einfluss auf das Verhalten des Meilers hatte.
Ganz unten zur Grubensohle hin wurden im Kreis vier lange Holzstangen von 4 cm Durchmesser liegend mit eingebaut, die später herausgezogen werden konnten, um bei Bedarf unter dem Rasensodenwall Lüftungskanäle zur Grubensohle öffnen zu können.

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Bevor die Rasensodenkuppel nun ganz geschlossen wurde, brachten wir zwei Schaufeln voll glühender Kohlen (aus einer separaten Feuerstelle) oben auf das Brennmaterial im Meiler auf. Nach einiger Zeit, in der sich das Feuer verbreiten konnte, wurde die letzte Rasensode oben auf die Kuppe des Meilers gesetzt, bevor sich noch große offene Flammen in das Brennmaterial weiter ausbreiten konnten.

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Brandverlauf
Nachdem der Meiler verschlossen war, drang direkt starker Rauch aus kleinen Lücken in der Rasensodenabdeckung. Größere Löcher wurden verschlossen.
In den folgenden Stunden beobachteten wir den Meiler ständig. Immer, wenn aus Öffnungen zu viel Rauch austrat, verschlossen wir diese mit Grassoden. Als der Prozess einmal ins Stocken zu geraten schien und der Rauchaustritt sich stark abschwächte, wurden auf halber Höhe einige Luftlöcher von rund 4 cm Durchmesser in den Meiler gestochen. Verstärkter Rauchaustritt belegte bald darauf die Wirksamkeit der Maßnahme.

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Abends wurden noch einmal einige Rasensoden aufgelegt als die Abdeckung bereits durchgeglüht war. Um Mitternacht war der Meiler dann ordentlich heiß und gut im Gang. Im Laufe der Nacht musste die Abdeckung erneuert werden, früh morgens hatte sich auf der nordwestlichen Seite ein etwa 20 – 25 cm großes Loch in die Abdeckung gebrannt.
Susanne Gütter, die die Nachtwache übernommen hatte, verschloss den Meiler mit einem großen Metalldeckel (von einem alten Waschzuber) wieder. Der Deckel wurde mit Soden abgedeckt und ringsum mit etwas Erde weitgehend abgedichtet.
Morgens war der Meiler dann noch aktiv, mittags rauchte er allerdings weit weniger stark.

Der Zustand war nun statisch recht stabil, ein Kranz von etwa fünf Löchern in Kniehöhe war noch offen. Ebenso einige Abzugsfugen unter dem Deckel.
Die Ritzen wurden abends geschlossen.
Der Meiler war unregelmäßig aktiv, so dass es länger dauerte, bis er sich durch das Brennmaterial durchgefressen hatte. Dies wäre im Nachhinein für das Durchbrennen der Keramik und Halten der Temperatur wohl noch gut gewesen.
Die unteren Luftlöcher mit den Holzstangen rührten wir nicht an, denn wir hatten nicht das Gefühl, dass wir von ganz unten Luft zuführen müssten.

In den nächsten Tagen wurde der Meiler weiterhin mindestens zweimal täglich kontrolliert.

Nach drei Tagen wollten wir den Meiler öffnen und stellten schon bei der ersten Berührung fest, dass er noch viel zu heiß war.

Auch zwei Tage später ging es uns genauso und die Spannung stieg weiter.

Wir einigten uns darauf, den Meiler an einer Stelle etwas zu öffnen, um nachzusehen, ob die Keramik schwarz gebrannt ist und es noch Glut im Inneren gab.

Der Zustand des Meilers ließ sich zu diesem Zeitpunkt folgendermaßen beschreiben:
Der komplette Rasensodenwall war bis auf ganz wenige Sodenreste inzwischen durchgeglüht und hatte sich in heiße Erde verwandelt, die die Grube nun komplett ausfüllte und die Gefäße einbettete. Der äußere Ring der Erde war oxidiert und nach innen hin zunehmend zu krümeligem „Brandlehm“ gebrannt. Im Inneren war die Erde – zumindest auf dieser Seite – schwarz reduziert und die zwei Gefäßstellen, die wir sehen konnten, sahen wunderbar schwarz/dunkel und gut durchgebrannt aus! Allerdings war darunter die Holzkohle sicher z. T. noch glühend, da bereits auf der Keramik noch aufliegende durchgekohlte Stöckchen durch die Luftzufuhr direkt
wieder aufglühten.

Wir haben im Außenrand-Bereich unserer Grube ein Stück herunter gegraben, aber nicht ganz bis zur Sohle, da uns währenddessen klar wurde, dass das in der Tiefe der Grube und im Zentrum ganz sicher noch nicht ohne Risiko für die Gefäße – und unsere Schuhsohlen – gewesen wäre. Also sind wir noch einmal zurückgerudert und haben alles wieder zugefüllt. Nur die Deckschicht auf dem Metalldeckel haben wir bis auf eine dünne kaschierende Streuschicht abgeräumt, damit es nach oben etwas leichter auskühlen konnte.

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Öffnen des Meilerbrandes
Nach einer Woche konnte der Meiler nun endlich geöffnet werden. Es war immer noch sehr warm, aber mittlerweile möglich, die Keramik zu entnehmen.
Wie sich herausstellte, war die Brenntemperatur an einigen Stellen nicht hoch genug, so dass einige Stücke nicht ganz gar gebrannt waren, während andere gut durchgebrannt klangen und aussahen. Auf der Grubensohle war ein Teil des Bettes aus Reisig und kleinen Ästen noch unverbrannt geblieben.
Nur eine Schale ist kaputt gegangen, alle anderen Keramiken haben den Brand unbeschadet überstanden. Die Brennfarben waren überwiegend schwarz bis braun
Für die Gefäße, die nicht richtig durchgebrannt waren, gab es einen weiteren Brenntermin.

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Fazit:
Der Meiler hat durch einen sehr gleichmäßigen Temperaturanstieg für einen Brennverlauf fast ohne Verluste geführt.
Wir haben nur recht wenig Brennmaterial benötigt (eventuell hätte etwas mehr Kleinholz eine höhere Brenntemperatur begünstigt).
Der Brennprozess war nicht vollständig gleichmäßig verlaufen und hatte lange Zeit in Anspruch genommen. Am Ende war er jedoch weitgehend durchgeglüht.

Die hohe Kunst ist bei diesem Brennverfahren das Abschätzen der nötigen Luftzufuhr. Da man während des Brandes keinen Einblick in das Innere des „Rasensodenofens“ hat, braucht es viel Erfahrung, die Rauch- und Hitzeentwicklung richtig einzuschätzen und zu steuern. Bei diesem ersten Meilerbrand hatten wir wohl etwas zu wenig Luftzufuhr zugelassen um die Reduktion nicht zu gefährden.

Bei dem zweiten Meilerbrand im September haben wir mit einem Thermometer den Brenntemperaturverlauf besser verfolgen und somit auch besser steuern können. Durch kleine Veränderungen im Aufbau (flacher auslaufende Grube, Bett u. a. aus Ziegendung, mehr und pyramidenförmig aufgeschichtetes dünnes Brennholz, Entzündung im Kreis am ganzen Außenrand vor Abdeckung mit flach aufgelegten Rasensoden) und der Luftführung (mehr Luftlöcher) ist dieser zweite Brand dann bereits hitziger, gleichmäßiger und flotter verlaufen. Das Holz war dabei wie in einem Kohlenmeiler nur verkohlt. Mit noch etwas mehr Luftzufuhr hätte also eine noch höhere Temperatur erreicht werden können. Die Gefäße kamen aus diesem zweiten Meilerbrand vollständig schwarz hervor.

Es wird mit Sicherheit im kommenden Jahr noch einmal einen Meilerbrand geben. Wir werden dabei weiter experimentieren mit einem optimierten Aufbau und noch etwas mehr Luftzugabe.

Wir bedanken uns bei Susanne Gütter für diese tolle Erfahrung und alle Freiwilligen, die sich um den Meiler über mehrere Tage gekümmert haben.

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Text: Meike Schuler-Haas und Susanne Gütter
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Archäologisches Langzeitexperiment auf der Zeiteninsel II

Seit Oktober 2016 lagert auf der Zeiteninsel Gerste in Vorratsgruben. Auf dem Gelände wurden insgesamt sechs Speichergruben angelegt. Informationen zum kulturhistorischen Hintergrund, dem Experimentaufbau und den Fragestellungen finden sich im Blogbeitrag vom 13.01.2017 und auf der Seite des Vorgeschichtlichen Seminars Marburg.

Nachdem nun acht Monate seit der ersten Einlagerung vergangen sind, wurde am 07.07.2017 eine erste Grube wieder geöffnet. Abweichend von der ursprünglichen Konzeption wurde der Entschluss gefasst, die Grube nicht archäologisch auszugraben und somit zu zerstören, sondern das Getreide wieder einzufüllen. Anhand dessen soll im nächsten Jahr überprüft werden, inwiefern sich eine zwischenzeitliche Öffnung negativ auf das Lagergut auswirkt.

Zunächst erfolgte die Lokalisierung der Grube. Die Öffnung und Probenentnahme nahmen ca. 30 Minuten in Anspruch. Im oberen Bereich der Verfüllung wurde eine stark komprimierte Zone aus Getreide festgestellt, die manuell nur schwer zu beseitigen war. Hier war auch die Erdvermischung am stärksten. Der nach dem Erdkontakt erwartungsgemäß stark biogen veränderte Randbereich war ebenfalls deutlich ausgeprägt und gut nachzuvollziehen.

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Im weiteren Verlauf der Grube wurde mit einem Gefäß die wie locker eingeschüttet liegende Gerste ausgeschöpft und seitlich gelagert.

Der Kegelstumpf war an seinem Beginn in seiner Form stark eingeschränkt, die biogen veränderte Schicht stärker ausgeprägt als im Hals der Grube.

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Mit zunehmender Tiefe war der Kegelstumpf besser abgebildet und mehr Getreide erhalten. Es war nicht möglich, den Grubenboden zu erreichen, ohne den Halsbereich der Grube zu zerstören. Hierauf wurde aus oben genannten Gründen verzichtet.

Bereits im oberen Drittel der Grube machte sich ein mäßig starker, an Silage erinnernder Geruch bemerkbar. In der biogen veränderten Randschicht wurden zudem dunklere Partien oder auch mit weißlichen Verfärbungen überzogene Teile sichtbar. Hierbei könnte es sich um Schimmel handeln, die Laboranalysen sollten hierzu Klarheit verschaffen.

Insgesamt wurden 11 Proben aus dem Getreide entnommen. Diese verteilen sich auf verschiedene Partien des Randbereichs und der Mitte der Grubenfüllung, also dem erhaltenen und dem biogen beeinträchtigten Bereich. Zehn der Proben wurden an das Institut für Phytopathologie der Justus-Liebig-Universität Gießen übersendet, wo Prof. Dr. Karl-Heinz Kogel als Projektpartner gewonnen wurde. Hier soll der Befall mit Pilzen und Bakterien untersucht werden. Eine Probe des Getreides wurde an das Hessische Landeslabor, Fachgebiet IV.4 Futtermittel, Saatgut und Düngemittel und Dr. Elke Nitschke übersendet. Hier wird die Keimfähigkeit des eingelagerten Getreides überprüft.  Als vorläufiges Ergebnis der ersten Öffnung ist festzuhalten, dass erfreulich viel Getreide erhalten geblieben ist. Die Beeinträchtigung durch Schimmelpilze ist zumindest im Inneren der Grube optisch nicht bemerkbar. Die Gerste gleicht der im Herbst 2016 eingefüllten und scheint ohne Einschränkungen weiter nutzbar zu sein.

Wir sind gespannt auf die Ergebnisse des nächsten Frühjahrs!

Text und Fotos: Dr. Daniel Scherf, Vorgeschichtliches Seminar der Philipps-Universität Marburg

Bäume fällen mit der steinzeitlichen Axt

Für den Bau des Rössener Hauses, welches als erstes Exponat / Gebäude auf der Zeiteninsel gebaut wird, müssen viele Eichen gefällt werden. Daher entstand die Idee, nicht sämtliche Bäume maschinell ernten zu lassen, sondern mindestens einmal den Test zu machen, wie das Baumfällen mit steinzeitlichen Methoden funktioniert.

Für diesen Test hatten sich fünf Freiwillige unter der Anleitung von Archäo-Techniker Wulf Hein gemeldet. Wulf Hein ist Bauleiter für den Bau der Hausmodelle auf der Zeiteninsel und hat bereits jahrelange Erfahrung im Fällen von Bäumen mit Repliken von archäologischen Funden der Steinzeit. Die Ergersheimer Experimente sind in Fachkreisen ein fester Begriff. Hier treffen sich Archäo-Techniker und Archäologen, um gemeinsam bestimmten Fragestellungen zu Äxten und Beilen der Steinzeit nachzugehen.

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Am vergangenen Freitag machte sich eine kleine Gruppe auf in den Wald bei Niederweimar, begleitet von Reinhard Schall vom Hessischen Rundfunk, der dieses Experiment gerne dokumentieren wollte.

Reinhard Schall hat die Zeiteninsel bereits im vergangenen Jahr mit einem Filmteam in Vorbereitung zu einer Veranstaltung zum Internationalen Museumstag besucht (Link) und sich für unser Projekt sehr interessiert gezeigt, was uns sehr freut.

Nachdem wir das richtige Waldstück gefunden hatten, wurde ein Baum ausgewählt, der bereits durch den Förster markiert worden war.

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Zunächst wurde die Höhe ausgemessen, in der die erste Fällkerbe angebracht werden sollte. Aus einer Auswahl an steinzeitlichen Äxten wählten die Teilnehmer passenderweise die Axt der Rössener Zeit aus und befeuchteten den Axtstiel mit etwas Wasser, da die Axt in der Schäftung zu locker saß.. Dann ging es los.

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Abwechselnd schlugen die Akteure in die Kerbe, wobei jeder für sich herausfinden musste, wie der beste Schlagwinkel und der geringste Kraftaufwand in einen guten Schlag mündete.

Bald ließ sich beobachten, dass zwar mit der Rössener Axt die Späne flogendas Holz aber auch eher gequetscht wurde als mit einer anderen Axt, die eine schärfere Schneide aufwies.

Es fand ein reger Austausch und Diskussion über die Werkzeuge und archäologische Funde statt, während Reinhard Schall versuchte zu filmen.

Die Beteiligten wurden von ihm gefragt, warum sie an diesem Test teilnehmen und Wulf Hein erklärte Einzelheiten zu den Äxten.

Nach einer halben Stunde wurde an der Rückseite des Baumes eine zweite Kerbe angebracht und damit die Fällrichtung bestimmt. Alle Beteiligten mussten sich nun einen sicheren Platz suchen, damit ihnen der Baum nicht auf den Kopf fällt.

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Es wurde zunehmend  spannender und nach einer dreiviertel Stunde fiel der Baum langsam um.

Wir waren überrascht, dass es doch so schnell ging  und Wulf Hein erklärte uns, dass mit doppelseitigen Axthieben der Baum noch schneller gefallen wäre.

Ein Teil des Stumpfes und ein Teil des gefällten Baumes wurden nun mit der Kettensäge abgetrennt, um bei den Steinzeittagen das Ergebnis dieser Fällmethode mit Steinzeitaxt zu demonstrieren. Die Jahresringe wurden gezählt und der Baum auf ca. 60 Jahre geschätzt.

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Es gab dann noch eine Diskussion, ob die so gefällten Bäume in der Steinzeit ohne Nachbearbeitung der Fällspitze in den Boden versenkt oder noch weiter bearbeitet wurden, um eine gerade Standfläche zu erhalten. Die von Archäologen gefundenen Verfärbungen und Pfostengruben könnten darauf Hinweise geben.

Ein spannender und inspirierender Nachmittag lag nun hinter uns und Reinhard Schall hatte genügend Material für den ersten Teil seines Berichts über die Zeiteninsel für den hessentipp.

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Am folgenden Tag sollte es dann weiter gehen (Link).

Hier können Sie das Video zum Fällen des Baums ansehen.

Dank an Wulf Hein, der diesen schönen Praxistest möglich gemacht hat und natürlich an die Freiwilligen für den Einsatz ihrer Muskelkraft.

 

Fotos: Meike Schuler-Haas / Reinhard Schall

EXARC-Tagung in Leiden

EXARC – die internationale Vereinigung der archäologischen Freilichtmuseen Webseite EXARC, bei der auch die Zeiteninsel bereits Mitglied ist, richtete in der vergangenen Woche ihre Jahrestagung  in der Universität zu Leiden (Niederlande) aus. Dr. Andreas Thiedmann und Meike Schuler-Haas nahmen für die Zeiteninsel an dieser Veranstaltung teil.

In diesem Jahr lag der Themen-Schwerpunkt auf der experimentellen Archäologie, es wurden aber auch Beiträge zur Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Museen und zur Entwicklung von Museen gebracht.

Dr. Sonja Guber, Vorsitzende des Fördervereins Zeiteninsel, stellte ihr Projekt zur Archäo-Imkerei , das ja in Kooperation mit der Zeiteninsel stattfindet, dem internationalem Publikum vor und erhielt viel Aufmerksamkeit für ihre Posterpräsentation.

Besonders ergiebig waren vor allem die Pausen zwischen den Vortragsblöcken und das gemeinsame Abendessen, um Kontakte zu knüpfen und interessante Themen weiter zu vertiefen. Hier gab es auch Präsentationen und Auslagen von Universitätsprojekten, Experimentalarchäologen, Museen usw. zum anschauen und informieren.

Am Ende des ersten Konferenztages fand ein Empfang durch den Bürgermeister der Stadt Leiden im wundervollen Ambiente des historischen Rathauses statt. Er betonte in seiner Rede seine Sympathie für Geschichte im Allgemeinen und die Archäologie im Besonderen, obwohl Leiden heute ja eine Stadt des zukunftsorientierten Wissens und der modernen Kultur sei.

Im Außenbereich des Universitätsgebäudes fand am zweiten Tag ein Mitmachprogramm der Archäologie-Studenten der Universität statt mit Speerschleudern, Bogenschießen, Steine schlagen usw. statt.

Am Samstag führte die ganztägige Exkursion zu zwei Freilichtmuseen in Südholland:

Zuerst besuchte die Teilnehmergruppe das „Prehistorisch Dorp“  in Eindhoven, eines der ältesten archäologischen Freilichtmuseen in den Niederlanden, mit Gebäuden der Eisenzeit bzw. römischen Kaiserzeit, des hohen Mittelalters und der Zeit der Karolinger. Die Gruppe wurde durch den Museumsleiter informiert und durch das Museum geführt. Außerdem konnte an zwei Kurz-Workshops teilgenommen werden.

Nach dem stilvollen Lunch in der frühmittelalterlichen Halle ging es weiter zum Museumsprojekt „Archeologisch Erf“ im Broekpolder Vlaardingen, in der Nähe von Rotterdam.

Hier ist ein archäologisches Freilichtmuseum im Entstehen, das konzeptionell und auch sonst viele Parallelen zur Zeiteninsel aufweist. So sollen hier ebenfalls mehrere Siedlungseinheiten aus verschiedenen Epochen und in natürlicher Umgebung entstehen. Ein Gebäude der Steinzeit wurde kürzlich als archäologisches Experiment errichtet und weitere werden folgen.

Es waren inspirierende Tage mit gutem Gedankenaustausch unter Kollegen aus der ganzen Welt, interessante neue Kontakte wurden geknüpft und die Zeiteninsel einem internationalen Fachpublikum bekannt gemacht.

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Archäologisches Langzeitexperiment auf der Zeiteninsel

Im Rahmen einer Kooperation führt das Vorgeschichtliche Seminar der Philipps-Universität Marburg auf dem Gelände der Zeiteninsel – Archäologisches Freilichtmuseum Marburger Land ein Langzeitexperiment zur Lagerung von Getreide in Silogruben durch. Das Experiment wird gefördert von der Stadt Marburg und dem Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Die Einlagerung von Getreide in Silogruben ist über den gesamten Zeitraum der produktiven Lebensweise in der Vor- und Frühgeschichte bekannt und zählt zu den wohl wichtigsten, langfristigen Speichermethoden. Dies betrifft nicht nur Saatgetreide sondern auch Getreide, das im fortgeschrittenen Winter verarbeitet werden sollte. Während die ablaufenden, taphonomischen Prozesse für Gruben mit senkrechten Wänden, wie sie bspw. aus der Bandkeramischen Kultur bekannt sind, relativ gut experimentell untersucht sind, fehlen Untersuchungen zu Kegelstumpfgruben, wie sie in zahlreichen jüngeren Komplexen auftreten (Lüning 2000, 173). Lediglich zu zylindrischen Gruben wurde in den 1970er Jahren ein Experiment auf der Butser Ancient Farm durchgeführt (Reynolds 1979).

Im Oktober und November 2016 wurden auf dem Gelände der Zeiteninsel insgesamt sechs Speichergruben für Getreide angelegt. Ziel des Versuches ist es, die Langzeitauswirkung auf das eingelagerte Getreide zu untersuchen. Die Gruben sollen in verschiedenen Zeitabständen archäologisch ausgegraben werden, wobei das Hauptaugenmerk auf der Befundgenese liegt. Ein weiterer Gesichtspunkt ist der Einfluss des biogeographischen Milieus auf das Getreide. Aus wärmeren Klimazonen sind Einlagerungen von bis zu 50 Jahren Dauer dokumentiert (Seheer 2000). In dem hier durchgeführten Experiment soll das wieder ausgegrabene Getreide stichprobenartig nach verschiedenen Gesichtspunkten untersucht werden. Besonders die Belastung mit Schimmelpilzen und der Schädlingsbefall sind dabei von Interesse. Auch die Keimfähigkeit des Getreides nach längerer Bodenlagerung soll dokumentiert werden.

Die sechs Gruben wurden gemeinsam mit Teilnehmern eines einführenden Seminares zur Experimentellen Archäologie angelegt. Hierbei wurde zuerst ein zylindrischer Schacht mit ca. 60 cm Durchmesser und 100 cm Tiefe angelegt.

Danach wurden die unteren beiden Drittel zu einem Kegelstumpf ausgearbeitet, bis der Bodendurchmesser bei ca. 100 cm lag. Nachdem die Gruben fertiggestellt waren, erfolgte die Verfüllung mit Getreide. Hierfür wurde Bio-Gerste verwendet, die vom Naturland-Betrieb Matthias Happel in Weimar erworben wurde. Insgesamt wurden ca. 1,3 Tonnen Gerste eingebracht.

Diese wurde in einigen der Gruben locker eingeschüttet, in anderen durch Treten und Stampfen verdichtet. Ob dies einen Einfluss auf die Erhaltung des Getreides hat, gehört ebenfalls zu den Fragestellungen des Experiments. Waren die Gruben bis etwa 20 cm unter der Mündung verfüllt, wurde eine Schicht aus dem Grubenaushub eingebracht und verdichtet. Ziel war ein möglichst luftdichter Abschluss des eingelagerten Getreides.

Die anfangs ausgestochenen Rasensoden wurden wieder eingesetzt und die Spalten und Risse ebenfalls mit Material aus dem Aushub aufgefüllt. In den kommenden Wochen erfolgte eine regelmäßige Kontrolle der Gruben. Hierbei war festzustellen, dass die obertägigen Setzungserscheinungen sich sehr in Grenzen hielten und nur bei wenigen Gruben signifikant sichtbar wurden. Entstehende Risse wurden entsprechend abgedichtet. Bereits nach zwei Wochen hatten einzelne Körner der Gerste, die auf der Oberfläche ausgefallen waren, begonnen zu keimen.

Im Idealfall sollte die äußere Schicht des Getreides, die in unmittelbarem Kontakt zum Erdboden steht, beginnen zu keimen bzw. zu schimmeln. Durch diese ablaufenden, biogenen Prozesse sollte der Restsauerstoff aus der Grube entzogen und so ein anaerobes Milieu gebildet werden, das mögliche Zersetzungsprozesse unterbindet. Diese Reaktion sollte nach Verbrauch des Restsauerstoffes unterbrochen sein, woraus sich eine luftdichte Lagerung des innenliegenden Getreides ergibt. Durch die zu erwartende, verfilzte Schicht aus gekeimtem, unbrauchbar gewordenem Getreide wird gleichzeitig das Eindringen von Wasser, Schadnagern und Insekten sowie Bakterien und Pilzen erschwert.

Die erste Ausgrabung einer der angelegten Gruben soll in der ersten Jahreshälfte 2017 erfolgen. Bis dahin sei allen Beteiligten und Unterstützern herzlich gedankt.

 

Fotos und Text: Dr. Daniel Scherf, Vorgeschichtliches Seminar der Philipps-Universität Marburg