Was man alles aus Feuerstein machen kann…

Anfang Juni trafen sich 12 Teilnehmer zu einem Workshop der besonderen Art: „Steine schlagen“.

Veranstaltungen bei denen Archäotechniker die Herstellung von Werkzeugen aus Feuerstein demonstrieren, haben immer eine besondere Anziehungskraft für das Publikum. Vielleicht werden hier unsere Urinstinkte geweckt, denn wie das Entzünden von Feuer, ist die Herstellung einer Pfeilspitze beinahe ein „magischer“ Vorgang, der jahrelange Übung und ein tiefes Verständnis für den Aufbau des Steins voraussetzt.

Feuerstein (silex, flint) ist eine Art Kieselgestein, das vor 100 Millionen Jahren aus Kleinstlebewesen, wie Kieselalgen, in Hohlräumen eines Muttergesteins, meist Kreide, entstand. Es eignet sich gut zur Herstellung von Schneide-Werkzeugen, da es eine sehr hohe Dichte aufweist und scharfe Kanten hergestellt werden können.

Im Marburger Land gibt es keine natürlichen Vorkommen, hier mussten sich die Menschen mit anderen geeigneten Gesteinen wie Kieselschiefer oder Quarziten behelfen. Feuerstein von guter Qualität kommt an der Ostsee, in den Niederlanden und auch in Frankreich vor. Schon früh wurde er zu einer begehrten Handelsware und gelegentlich kann aufgrund von speziellen Merkmalen festgestellt werden, wo ein Feuerstein herstammt, der etwa an einem Rastplatz von Jägern und Sammlern gefunden wurde.

Es war uns erneut gelungen, den „Steinexperten“ Andreas Benke für einen Workshop zu gewinnen. Dieser begann am Samstag zunächst mit einer Einführung in die Technik des Aufschließens einer Feuersteinknolle mit Hilfe spezieller Schlagtechniken. Ziel war es, für die Anfänger Abschläge zu gewinnen, die dann weiter verarbeitet werden konnten und Erfahrung in der Bruchmechanik des Feuersteins zu gewinnen.

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Mit Feuereifer und viel Energie begannen die Teilnehmer nun die Feuersteinknollen zu zerlegen, so dass die Splitter nur so umherflogen. Lange Zeit hörte man nur das Schlagen von Stein auf Stein und alle waren sehr konzentriert bei der Sache.

Im Laufe des Tages wurde der Haufen von großen Feuersteinknollen immer kleiner und zum Tagesende hatten die Teilnehmer eine Ahnung davon, wie diese Technik grundsätzlich funktioniert. Auch dem Letzten war spätestens jetzt klar – so einfach ist die Sache nicht.

Zu Beginn des 2. Tages präsentierte Andreas Benke seine selbst hergestellten Werkzeuge, Repliken von archäologischen Funden und Waffen, wie verschiedene Pfeile und vor allem Pfeilspitzen und Dolche. Er gab auch eine kurze Einführung in die Typologie der Steingeräte der letzten 2,5 Mio. Jahre sowie einen kleinen Schlenker zur Herstellung von Birkenteer und seine Verwendung bei der Befiederung von Pfeilen.

Danach wurde das Tagesziel ausgegeben: die Herstellung von Pfeilspitzen. Dazu hatte Andreas Benke viele vorbereitete Abschläge mitgebracht, aus denen sich Pfeilspitzen einfacher herstellen lassen sollten, da ja das Aufschließen des Steins bereits erfolgt war.

Nach einer Einführung in die Flächenretusche, die zur Verdünnung bzw. Formgebung  notwendigeTechnik, versuchten sich die Teilnehmer in der Herstellung von Pfeilspitzen. Die Handhabung von Druck- und Schlaginstrumenten aus Kupfer, Geweih und Stein rückte nun in den Fokus, um mit Hilfe des sogenannten indirekten Schlags Retuschen erzeugen zu können.

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Zwischendurch erfolgte noch eine Vorführung zur Effektivität von diversen Steingeräten bei der Verarbeitung von organischem Material, wie etwa das Schneiden von Gras mit einer Sichel.

Im Verlauf des Kurses wies Andreas Benke immer wieder darauf hin, wie entscheidend der richtige Auftreffwinkel ist, um den gewünschten Effekt, sprich Retusche, Abschlag etc. zu erzielen.

Auch griff er den Teilnehmern bei ihren individuellen, teils ehrgeizigen Projekten, wie der Herstellung eines Beils, unter die Arme…und wie von Zauberhand entwickelten sich die gewünschten Formen durch gezielte Schläge.

Die Zeit verging im Flug und am Ende des Tages ging es dann auch noch um ganz andere Themen, zu denen Andreas Benke eine Fülle seines fundierten Wissens und seiner breit gestreuten Erfahrungen bereitwillig beisteuerte.

Wir danken sehr und hoffen auf einen weiteren Kurs im nächsten Jahr!

 

 

Lindentag auf der Zeiteninsel

Am vergangenen Sonntag fand ein „Lindentag“ auf der Zeiteninsel unter Beteiligung von Dr. Astrid Wetzel, Dr. Sonja Guber und Monika Mosburger, Mitglieder des Fördervereins, statt. Die Linde wurde schon vor tausenden von Jahren in vielfältiger Weise von Menschen genutzt. So besaßen zum Beispiel die Schuhe des berühmten „Ötzi“ ein Innengeflecht aus Lindenbast und aus einem über 7000 Jahre alten Brunnen konnten mehrere Beutel aus Rinde geborgen werden,  darunter auch einer aus der Rinde junger Linden. Die Beutel wurden vermutlich zum Wasserschöpfen benutzt.

Vor dem Holzhaus sammelten sich die Besucher zunächst und konnten bei Monika das Zwirnen mit Lindenbast ausprobieren.

 

Sie erfuhren, dass der Bast entsteht, wenn Lindenrinde für mehrere Wochen im Wasser rottet. Der feinfaserige Bast kann zum Beispiel zur Herstellung von Fischernetzen, zum Zwirnen und Körbe flechten benutzt werden.

 

Astrid führte die interessierte Gruppe anschließend über die Zeiteninsel und gab eine botanische Einführung und weitere Verwendungsmöglichkeiten an. So hilft ein Tee aus Lindenblüten gegen Halsweh. Sonja ging auf die Bedeutung von Lindenblüten für Bienen ein und berichtete von ihrem Bienenprojekt. Für das weitere Programm wurden einige Lindenäste abgeschnitten.

 

Nach der Rückkehr zum Holzhaus zogen die Kinder deren Rinde ab und schnitten die Hölzchen in Stücke. Diese wurden in eingestochene Alufolie eingewickelt und anschließend für 10 Minuten ins Feuer gelegt. Der spannende Moment kam beim Auswickeln: Vor allem die kleinen Besucher waren begeistert von der entstandenen Zeichenkohle und probierten diese gleich aus.

 

Nicht nur Papier, auch die Haut kann durch im Mörser zerkleinerte Kohle verschönert werden. Astrid vermischte das Kohlepulver mit Glycerin und heraus kam eine Farbpaste, die auch gleich verwendet wurde.

 

Am Ende des Tages waren alle begeistert von den vielfältigen Möglichkeiten, die die Linde bietet. Wir haben uns sehr über das Interesse der Besucher gefreut!

Steinzeittage – Großveranstaltung

Auch in diesem Jahr fand wieder ein großes Event auf der Zeiteninsel statt: Die Reise ging dieses Mal tausende Jahre zurück in die Vergangenheit, in die Steinzeit. Zahlreiche Akteure und viele Mitmachstationen versprachen ein äußerst lebendiges und anschauliches Wochenende für kleine und große Besucher!

Die eingeladenen Darsteller und Archäo-Techniker deckten ein großes Themenfeld ab: Passend zum Bau unseres jungsteinzeitlichen Rössen-Hauses ging es unter anderem um Holzbearbeitung, Keramik- und Textilfertigung, steinzeitliche Imkerei und die Herstellung von Messern aus Feuerstein und Obsidian.

Vorbereitend kamen dazu am Freitag viele freiwillige Helfer auf der Zeiteninsel zusammen, um das Gelände entsprechend vorzubereiten. Sie hängten Schilder auf, halfen beim Aufbau einzelner Stationen, errichteten Pavillons und bauten Tische und Bänke auf, außerdem richteten sich erste Teilnehmer ein. Dann war alles soweit fertig und der nächste Tag wurde mit großer Aufregung erwartet.

Am Samstag um 10 Uhr ging es los: Die ersten Besucher kamen an die Kasse und den Infostand!

Das Gelände war zu diesem Zeitpunkt bereits belebt, die Akteure waren schon an ihren Stationen und es herrschte bereits am Morgen ein buntes und lebendiges Treiben. Manche Besucher waren zum ersten Mal auf der Insel und waren begeistert von dem Bild, das sich ihnen bot. Hier hatten sie die Möglichkeit, den Experten ausführlich Fragen zu stellen und sich Wissen zur Steinzeit anzueignen. Außerdem konnten die Ausmaße des Langhauses, die durch die Planierung der zu bebauenden Fläche deutlich wurden sowie die bis zu 1,20 m tiefen Pfostenlöcher bestaunt werden.

Beim Gang auf die Insel trafen die Besucher als erstes auf Mirko Runzheimer und Lutz Visosky, die eine archäotechnische Vorführung zum Gerben geplant hatten. Außerdem zeigten sie, wie aus Birkenrinde Birkenpech, der „Kleber der Steinzeit“, gewonnen werden kann. Nachdem Mirko und Lutz eine Rehhaut aufgespannt hatten, entfernten sie mit Feuersteinklingen und Messern die Fleischreste und die Fettschicht. Dieter Eidam unterstützte die beiden mit dem passenden Arbeitsmaterial in Form von Klingen.

Anschließend erklärten sie den vielen Besuchern ihres Standes anschaulich, wie die darauf folgenden Arbeitsschritte für die Gerbung mit tierischer Hirnmasse aussehen müssten. Der Fachmann spricht hier von der „unechten Gerbung“, da die Gerbung der Haut nicht permanent ist, sondern auswaschbar bleibt.

Über die Gewinnung und Verarbeitung von Pflanzenfasern, wie beispielsweise Lindenbast informierte an ihrem vielfältig ausgestatteten Stand die bekannte Archäo-Technikerin Anne Reichert.

Die Besucher konnten nicht nur die rekonstruierte steinzeitliche Kleidung und Schuhe von Ötzi bewundern, sondern auch diverse Werkzeuge zur Textilverarbeitung sowie Körbe, Siebe und Beutel aus Lindenbast, die Frau Reichert anhand von textilen Resten aus den Pfahlbausiedlungen rekonstruiert hat.

Weiter ging es zu Dennis Moch, der eine Speerwerf-Aktion für die Besucher vorbereitet hatte. Auch hier bildete sich eine Schlange, wollten doch viele in die Rolle eines steinzeitlichen Jägers schlüpfen.

Das gestaltete sich gar nicht so einfach, doch am Ende der Übung schafften es viele, den großen Strohballen „zu erlegen“. Hier wurde deutlich, dass es gar nicht so einfach ist, einen Speer zielgerichtet zu werfen. Vor allem, wenn man sich vorstellt, dass sich das Ziel auch noch bewegt!

Die nächste Station konnte schon von weitem gehört werden: Stefan Pfannmüller hatte einen Aktionsbereich zur Schwirrholz-Herstellung vorbereitet. Hier konnten die Kinder dieses seit Jahrtausenden benutzte Musikinstrument bzw. Mittel zur Kommunikation selbst fertigen, ein Angebot, das auch begeistert genutzt wurde. Schwirrhölzer werden aufgrund ihres charakteristischen Geräusches „Bullenbrüller“ genannt und waren im Laufe des Wochenendes häufig auf der Zeiteninsel zu hören.

Etwas besinnlicher ging es an der Station von Ruth Hecker zu. Hier war das große Thema die steinzeitliche Kunst in Form von Höhlenmalerei. Eine aufgespannte Pappwand diente als Höhlenwand-Ersatz. Die benötigte Farbe stellte Frau Hecker unter anderem aus gelben und roten Ocker her. Die Kinder malten begeistert und fertigten ihre eigenen Kunstwerke an.

Der Stand von Arne Mentel richtete sich wieder an die steinzeitlichen Jäger: Er hatte eine Vielzahl von Tierspuren in Sand eingedrückt, die die Besucher nun erkennen sollten. Das war gar nicht so einfach. Außerdem ging es bei ihm um das interessante Thema Fährtenlesen.

Bei Robert Graf und Monika Weigl von „Zeiten-Erleben“ standen die Steinbearbeitung und die Verarbeitung von Faserpflanzen im Vordergrund. Ein Highlight war sicherlich die Demonstration, wie Klingen aus vulkanischem Gesteinsglas, Obsidian, hergestellt werden können.

Klingen aus Obsidian sind äußerst scharf und waren daher, neben Feuerstein, ein begehrtes Material für die Fertigung von Pfeilspitzen und Messern. Außerdem zwirnte Monika mit den Besuchern aus den Fasern der Brennnessel Armbänder und Ketten und demonstrierte so sehr anschaulich eine Verwendungsmöglichkeit dieses Naturmaterials.

Dem spannenden Thema der prähistorischen Imkerei widmete sich Sonja Guber von „Immenzit“. Sie präsentierte Bienenwachs in den unterschiedlichen Stadien der Verarbeitung, zeigte verschiedene Weiterverarbeitungs- und Verwendungsmöglichkeiten auf und erläuterte, wie die Bienenhaltung in der Steinzeit ausgesehen haben könnte. Es kam zu einem Erfahrungsaustausch, da sich auch moderne Imker gerne über ihre „steinzeitlichen Vorgänger“ informieren wollten.

Ein Volk von Sonjas Bienen lebt übrigens seit einigen Wochen in einem hohlen Baumstamm auf der Zeiteninsel. Diese Haltungsart wird auch für die Steinzeit angenommen.

Wulf Hein von Arctech hatte diverse rekonstruierte Werkzeuge, Jagdwaffen und Figurinen mitgebracht. Es ging hier um die Bearbeitung von Stein, Holz, Geweih, Knochen und Elfenbein. Die Besucher nutzten die Möglichkeit, den Archäotechniker mit Fragen zu löchern. Welche Beile eigneten sich besonders gut zum Bäume fällen? Wie wurden die kunstvollen Elfenbeinfigurinen von der Schwäbischen Alb angefertigt? Und welche Waffen zur Jagd genutzt?

Die Antworten auf diese Fragen und vieles mehr konnten die Besucher an Wulfs Stand erfahren. Ihn werden wir in den kommenden Monaten übrigens häufiger auf der Zeiteninsel antreffen, da er der Bauleiter für unser rekonstruiertes Haus der Rössener Kultur ist.

Neben Wulf hatte sich Markus Loges eingerichtet. Bei ihm standen steinzeitliche Werkzeuge zur Holzbearbeitung im Fokus.

Die Besucher konnten anhand verschiedener Beile selbst ausprobieren, wie ein steinzeitlicher Holzfäller gearbeitet hat. Außerdem ging es um die Entwicklung von Axt und Beil. Sein Wissen kommt ebenfalls dem Bau des Rössener Langhauses zu Gute: Seit dem 19.06. übernehmen Markus und seine Kollegen die Holzarbeiten.

Licht ins Dunkel brachte Brigitte Schmitz mit ihrem Stand: Hier konnten Kinder selbst ein steinzeitliches Licht töpfern und verzieren. Dieses wurde anschließend mit Talg und einem Docht ausgestattet. Ton ist wohl neben Stein einer der wichtigsten Werkstoffe der jüngeren Steinzeit. Das Wissen, wie aus einem Tonklumpen eine schöne Lampe entsteht, konnten die angehenden Töpfer neben ihren Steinzeit-Lichtern mit nachhause nehmen.

Eine Vielzahl an Gefäßen aus Ton präsentierte Susanne Gütter. Sie ermöglichte anhand von originalgetreu rekonstruierter Keramik von Fundplätzen aus der Umgebung einen Blick in den jungsteinzeitlichen Geschirrschrank. Was ist eine Magerung? Welche Aufbautechniken gibt es?  Wie sahen steinzeitliche Gefäße aus und mit welchen Mustern wurden sie verziert? Die Antworten fanden die interessierten Besucher an Susannes Stand.

Die Kirmses nahmen die Besucher mit in den ältesten Abschnitt der Steinzeit, die Altsteinzeit. Sie demonstrierten, wie mit Hilfe von Speerschleudern gejagt wurde. Außerdem konnten Schieferplatten mit Ritzzeichnungen versehen werden. Dieses Angebot nahmen die kleinen Besucher gerne an und so entstanden kleine Kunstwerke.

Familie Burberg, die für das „Steinzeit-Experiment“  des SWR bereits mehrere Wochen wie in der Steinzeit lebte, schlug ihr Lager auch wieder auf der Zeiteninsel auf (hier gibt es Informationen zur Veranstaltung von 2014). Auf einem Reibstein konnten die Besucher Getreide mahlen, Steinzeit-Fladen am Feuer backen, Muscheln bohren, Schnüre zwirnen und dabei den Steinzeit-Erfahrungen der Familie lauschen. Außerdem führte Martin Burberg während der zweitägigen Veranstaltung Grubenbrände für Keramik durch.

Torsten Jägers Mitmachstation stand ganz im Zeichen des Schmucks: Hier ging es um die Fertigung von Perlen aus Kalkstein, Torsten und die fleißigen Besucher fertigten insgesamt 125 Perlen an. Diese wurden zunächst geschliffen und anschließend durchbohrt. Es wurde deutlich, wieviel Arbeit in der Fertigung steckt.

Monika Moosburger wollte den Geschmacksinn der Besucher ansprechen. Sie hatte sich ein Rezept für steinzeitliches Nutella überlegt und mit der Unterstützung durch Nadine Keßler konnten die Kinder dafür zunächst selbst Haselnüsse auf einem Stein knacken. Die Nusskrümel wurden anschließend mit Honig vermischt und fertig war der süße Aufstrich.

Die mit Fellen gedeckten Zelte von Gerhard Kalden fielen schon von weitem ins Auge. Schon bei der ersten Großveranstaltung 2014  war diese Station Anziehungspunkt für viele Besucher. Sie betraten das Lager und fühlten sich direkt in die Steinzeit versetzt.

ka7Hier gab es einiges zu sehen: Gefäße aus Ton, einen Gewichtswebstuhl, Ketten und Armbänder mit durchlochten Muscheln und Zähnen, Felle verschiedener Tiere, rekonstruierte „steinzeitliche“ Schuhe und vieles mehr. Gerhard Kalden und sein Team hatten sich zudem auch einige Mitmach-Aktionen in Form von „Steinzeit-Spielen“, wie einem Ernährungs-Quiz, überlegt.

Hatten die Besucher nun Hunger bekommen, konnten sie aus unserem vielfältigen kulinarischen Angebot wählen. Für den Kaffee- und Kuchenstand des Fördervereins hatten die Mitglieder wieder fleißig Kuchen gebacken. Außerdem gab es einen Stand der Landfrauen Niederwalgern mit ausgezeichneten Waffeln, einen Bratwurstverkauf und einen Stand, der von der Wetterauer Feldküche betrieben wurde. Hier konnten die Besucher köstliche „Steinzeit-Fladen“ erwerben.

Großer Beliebtheit erfreute sich auch unsere Feuerstelle, an der ganz frisch Stockbrot gebacken wurde.

Der erste Steinzeit-Tag klang mit einem gemeinsamen Grillen der Akteure und freiwilligen Helfer aus. Die Zeit wurde für angeregte Gespräche und eine Rückschau des ersten Tages genutzt.

Der Sonntag stand wieder ganz im Zeichen der Steinzeit und alle Darsteller und Helfer waren bei schönstem Wetter wieder voller Energie bei der Sache. Wir bekamen sogar Besuch vom Hessischen Rundfunk, der einen Beitrag über die Veranstaltung drehte. Familie Potschka führte das Film-Team zu den Highlights der Veranstaltung.

Das Wasser lud bei steigenden Temperaturen zu einer kleinen Bootsfahrt ein, die, zumindest laut Fotos, auch lustig gewesen sein dürfte.

Am Sonntagabend gegen 17.00 Uhr begannen die Darsteller und Helfer mit dem Abbau der Stände und Zelte. Wir freuen uns über die positive Besucherresonanz und ein ereignisreiches Wochenende, dass durch die engagierten Akteure ein Eintauchen in die steinzeitliche Lebenswelt ermöglicht hat.

Allen Mitwirkenden und Helfern sei an dieser Stelle für ihre tatkräftige Mitarbeit ganz herzlich gedankt! Für die großzügige finanzielle Förderung danken wir außerdem der Sparkasse Marburg-Biedenkopf sowie der Gemeinde Weimar für die überaus wertvolle logistische Unterstützung.

Arbeitseinsatz im Juni

Am vergangenen Samstag fand bei schönstem Wetter wieder ein Arbeitseinsatz auf der Zeiteninsel statt. Es gab viel zu tun, da das Gelände für die Steinzeittage am 17. und 18. Juni vorbereitet werden sollte.

Zudem hatte sich ein Besuch aus dem Fernsehen angekündigt: Reinhard Schall vom Hessischen Rundfunk kam auch in diesem Jahr vorbei, um „Aktive in action“ für die hessentipp-Sendung am kommenden Freitag zu filmen.Foto 1Die Freiwilligen begannen mit dem Bau eines Unterstandes für den Lehmbackofen. Dieser konnte auch fast fertig gestellt werden, lediglich Teile der Überdachung fehlen noch, da nicht genügend Reet zur Verfügung stand.

Der ausgehöhlte Baumstamm, in dem seit einigen Wochen eines der beiden Zeiteninsel-Bienenvölker lebt, bekam einen neuen Boden, außerdem wurde die Umzäunung hier komplett neu gebaut. Die Bienen haben sich gut eingelebt und genießen die Blütenvielfalt auf der Insel.

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Bei den Steinzeittagen ist neben vielen anderen tollen Stationen auch eine archäotechnische Aktion geplant: Unter Zuhilfenahme von tierischem Hirn soll Tierhaut gegerbt und der Gerbevorgang vorgeführt werden. Bereits am Samstag kam es daher zu einem Probelauf, bei dem es schon Einiges zu sehen gab. Die Archäotechniker spannten eine Kuhhaut auf, um diese mit der Hilfe von Feuersteinklingen und Messern von Fleischresten zu befreien und die Fettschicht von der Haut zu lösen.foto 6Das gestaltete sich gar nicht so einfach. Außerdem wurden aus zwei Rehköpfen- und einem Schafskopf das Hirn, das für den Gerbeprozess benötigt wird, herausgelöst. Hund Elli freute sich, fiel doch das ein oder andere Fleischstück für sie ab.

Ebenfalls als Vorbereitung für die Steinzeittage gruben die Aktiven zwei Löcher mitten auf der Schaf- und Ziegenwiese, was von diesen mit neugierigem Mähen und Meckern kommentiert wurde. In die Löcher sollen zwei Baumstämme versenkt werden, an denen kleine und große Besucher in die Rolle eines steinzeitlichen Holzfällers schlüpfen können.

Nachdem das Gelände gesenst und die Freiwilligen die Feuerstelle für die Stockbrotaktion vorbereitet hatten, gab es ein, wie immer sehr leckeres, gemeinsames Mittagessen.foto 10Anschließend ging der Bau des Unterstandes für den Lehmbackofen frisch gestärkt und mit vereinten Kräften weiter.

Es war wieder ein sehr schöner Arbeitseinsatz, bei dem die Freiwilligen viel geschafft haben. Ein großes Dankeschön an alle Beteiligten!

Welches Kräutlein wächst denn da?

Dieser Frage stellten sich die Teilnehmer der Kräuterwanderung auf der Zeiteninsel am vergangenen Sonntag.

Wenn im Frühling die Natur förmlich explodiert und wir uns nach der langen Winterpause nach frischen Kräutern sehnen, fühlen wir uns den Menschen der Vergangenheit, die ohne Ganzjahresangebot durch Supermärkte lebten, eng verbunden.

Auch auf dem Gelände der Zeiteninsel haben sich in den letzten Jahren viele essbare Kräuter, aber auch Färbepflanzen und Heilkräuter angesiedelt, die nun gesucht und geerntet werden sollten.

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Die Biologin Dr. Astrid Wetzel hatte großformatige Fotos der zu sammelnden Kräuter vorbereitet und an jeden Teilnehmer ein Foto mit einer Pflanze verteilt. Sie stellte die Aufgabe, die jeweilige Pflanze auf dem Gelände zu finden und zu ernten.

Zu jeder Pflanze wurde der Name „abgefragt“ und ihre  Bedeutung erklärt.

Dann ging es los und alle schwärmten aus. Die Teilnehmer mit Ortskenntnis hatten die Brennnesseln und den kleinen Wiesenknopf schnell gefunden, aber es gab auch Kräuter, die etwas kleiner und unauffälliger sind. Da fiel die Suche und Bestimmung schon schwerer.

Nachdem die Kräutersucher mit dem Spaten noch Meerrettich und wilde Möhre geerntet hatten, trugen  sie alle Kräuter nach Sorten zusammen und besprachen sie  gemeinsam. Es ging vor allem darum, welche Teile der Pflanze verwendet werden können und wie die unterschiedlichen Kräuter riechen bzw. schmecken.

Interessant war es zu sehen, dass der Standort der jeweiligen Pflanze eine große Auswirkung auf ihr Aussehen hat. So kann dieselbe Pflanze sehr unterschiedlich aussehen, wie am Beispiel der Vogelmiere zu erkennen war.

Es wurden alle Kräuter gemeinsam bestimmt, außerdem behandelte Astrid Wetzel noch weitere Pflanzen, die auf der Zeiteninsel wachsen und andere Verwendungsmöglichkeiten bieten. Danach ging es an die Verarbeitung der gesammelten Kräuter. Die Teilnehmer hackten – durch einen kurzen Gewitterguss unterbrochen – die Kräuter fein und verarbeiteten sie zu köstlichen Smoothies mit Kokosmilch oder zu Kräuterquark und Pesto.

Das Ergebnis war sehr lecker und nachdem der Regen sich verzogen hatte, saßen alle  noch lange beisammen und genossen die wärmende Frühlingssonne.

Vielen Dank an Dr. Astrid Wetzel – wir haben wieder viel gelernt.

Wie stellten die jungsteinzeitlichen Bauern vor 4500 Jahren ihre Keramikgefäße her?

Mit dieser Frage beschäftigten sich am vergangenen Wochenende die Kursteilnehmer des Workshops „Keramik der Rössener Zeit“ unter der Anleitung von Archäo-Technikerin Susanne Gütter.

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Nach einer kurzen Einführung präsentierte Susanne Gütter neben Repliken auch Originalfunde aus der Rössener Zeit, die bei Ausgrabungen im Lahntal gefunden wurden. Anhand der Scherben erklärte Frau Gütter anschaulich, wie die Menschen in der Jungsteinzeit den Ton aufbereiteten, die Keramik aufbauten und auf welche Art und Weise sie diese verzierten.

Die Teilnehmer konnten sich anschließend überlegen, welche Art von Gefäßen sie herstellen wollten, denn danach richtete sich die Vorbereitung des Tons mit der entsprechenden Magerung mit Sand und / oder gemahlenem Quarzgrus, welcher natürlich erst hergestellt werden musste.

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So lernten die Beteiligten den kompletten Herstellungsprozess bis zum fertigen Gefäß kennen und schärften ihren Blick für die Beschaffenheit der gefundenen Gefäßscherben.

Nachdem der Quarzgruß mit Schiebemühlen fein gemahlen worden war, wurde dieser mit Sand und Ton vermischt und untergearbeitet.

Mit Abschluss dieser ersten Herstellungsschritte  konnten sich die Keramikinteressierten vorbereitete Zeichnungen von Gefäßen anschauen und mit der Fertigung von Schüsseln, Kumpfen, Töpfen usw. beginnen.

Die Herstellung der Gefäße erfolgte in der Technik der „Aufbaukeramik“. Diese beinhaltet, dass das Gefäß bzw. die Gefäßwandung durch  gleichmäßig geformte Rollen, die angelegt und dann miteinander verstrichen werden, entsteht. Um dem Ton etwas Stabilität zu geben, kann zu Beginn in einer Form gearbeitet werden.

Die Teilnehmer merkten schnell, wie sehr die Witterung den Prozess der Keramikherstellung beeinflusst, denn bei sonnigem und windigem Wetter trocknet der Ton sehr schnell aus und verändert seine Beschaffenheit. Daher muss er zügig bearbeitet und zwischendurch immer wieder mit Wasser angefeuchtet werden.

Diese Temperaturschwankungen führten letztendlich zu Rissen in den Gefäßen, also wurde  bereits am ersten Tag die Werkstatt von draußen ins Innere des Holzhauses verlegt.

Zum Ende des ersten Kurstages hatte jeder bereits mindestens ein Gefäß hergestellt.

Glücklicherweise beruhigte sich am zweiten Kurstag  das Wetter, so dass zunächst wieder draußen an der frischen Luft gearbeitet wurde. Nun begann bei den meisten der „Feinschliff“:

Die hergestellten Gefäße mussten mit Hilfe von glatten Steinen poliert und / oder mit komplizierten Strich- und Stichmustern nach Originalfunden verziert werden.

Dazu suchten sich die Beteiligten  Werkzeuge wie Knochen, Muscheln, Steinklingen oder Hölzchen heraus, die in etwa den Mustern der Originale glichen.

Am Ende des zweiten Tages war eines klar – die Menschen der Jungsteinzeit hatten bereits ein hohes Niveau der Keramikherstellung erreicht. Den Kursteilnehmern hat es sehr viel Freude gemacht, die einzelnen Schritte der Herstellung eines Keramikgefäßes nachzuvollziehen und so einen kleinen Blick in diese Welt zu erhalten.

Nun müssen die Erzeugnisse einen Trocknungsprozess durchlaufen, um  anschließend im September in einem Meilerbrand haltbar gemacht zu werden.

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Wir danken Susanne Gütter für dieses inspirierende Wochenende.

Fotos: Meike Schuler-Haas und Sarah Fräßdorf

EXARC-Tagung in Leiden

EXARC – die internationale Vereinigung der archäologischen Freilichtmuseen Webseite EXARC, bei der auch die Zeiteninsel bereits Mitglied ist, richtete in der vergangenen Woche ihre Jahrestagung  in der Universität zu Leiden (Niederlande) aus. Dr. Andreas Thiedmann und Meike Schuler-Haas nahmen für die Zeiteninsel an dieser Veranstaltung teil.

In diesem Jahr lag der Themen-Schwerpunkt auf der experimentellen Archäologie, es wurden aber auch Beiträge zur Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Museen und zur Entwicklung von Museen gebracht.

Dr. Sonja Guber, Vorsitzende des Fördervereins Zeiteninsel, stellte ihr Projekt zur Archäo-Imkerei , das ja in Kooperation mit der Zeiteninsel stattfindet, dem internationalem Publikum vor und erhielt viel Aufmerksamkeit für ihre Posterpräsentation.

Besonders ergiebig waren vor allem die Pausen zwischen den Vortragsblöcken und das gemeinsame Abendessen, um Kontakte zu knüpfen und interessante Themen weiter zu vertiefen. Hier gab es auch Präsentationen und Auslagen von Universitätsprojekten, Experimentalarchäologen, Museen usw. zum anschauen und informieren.

Am Ende des ersten Konferenztages fand ein Empfang durch den Bürgermeister der Stadt Leiden im wundervollen Ambiente des historischen Rathauses statt. Er betonte in seiner Rede seine Sympathie für Geschichte im Allgemeinen und die Archäologie im Besonderen, obwohl Leiden heute ja eine Stadt des zukunftsorientierten Wissens und der modernen Kultur sei.

Im Außenbereich des Universitätsgebäudes fand am zweiten Tag ein Mitmachprogramm der Archäologie-Studenten der Universität statt mit Speerschleudern, Bogenschießen, Steine schlagen usw. statt.

Am Samstag führte die ganztägige Exkursion zu zwei Freilichtmuseen in Südholland:

Zuerst besuchte die Teilnehmergruppe das „Prehistorisch Dorp“  in Eindhoven, eines der ältesten archäologischen Freilichtmuseen in den Niederlanden, mit Gebäuden der Eisenzeit bzw. römischen Kaiserzeit, des hohen Mittelalters und der Zeit der Karolinger. Die Gruppe wurde durch den Museumsleiter informiert und durch das Museum geführt. Außerdem konnte an zwei Kurz-Workshops teilgenommen werden.

Nach dem stilvollen Lunch in der frühmittelalterlichen Halle ging es weiter zum Museumsprojekt „Archeologisch Erf“ im Broekpolder Vlaardingen, in der Nähe von Rotterdam.

Hier ist ein archäologisches Freilichtmuseum im Entstehen, das konzeptionell und auch sonst viele Parallelen zur Zeiteninsel aufweist. So sollen hier ebenfalls mehrere Siedlungseinheiten aus verschiedenen Epochen und in natürlicher Umgebung entstehen. Ein Gebäude der Steinzeit wurde kürzlich als archäologisches Experiment errichtet und weitere werden folgen.

Es waren inspirierende Tage mit gutem Gedankenaustausch unter Kollegen aus der ganzen Welt, interessante neue Kontakte wurden geknüpft und die Zeiteninsel einem internationalen Fachpublikum bekannt gemacht.

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Summ Summ Summ

Imkerei und Archäologie? Wo ist da die Verbindung? Gab es prähistorische Imkerei in Mitteleuropa? Diesen Fragen ging die Archäologin und Imkergesellin Dr. Sonja Guber in einer Themenführung am vergangenen Samstag auf der Zeiteninsel nach. Neun Teilnehmerinnen und Teilnehmer (vorwiegend mit imkerlichem Vorwissen) scheuten nicht das ungemütlich herbstliche Wetter und begaben sich auf die spannende Entdeckungsreise in die Frühzeit der Imkerei.

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Beginnend bei der Mittelsteinzeit um 9000 v. Chr. wurde die Spurensuche nach der prähistorischen Imkerei in Mitteleuropa von hinten aufgerollt, um abschließend bei den Germanen der frühen Römischen Kaiserzeit um die Zeitenwende zu landen. Für die Mittelsteinzeit zeugen Felsbilder aus dem heutigen Spanien vom „Honigjagen“. Für die Jungsteinzeit, Bronzezeit und Römische Kaiserzeit können konkrete Funde von Bienenbehausungen auf den Gebieten der heutigen Schweiz und Deutschland angeführt werden. In jede Zeitstellung wurde kurz eingeführt und anschließend die imkerlichen Funde mit einem Poster vorgestellt, erläutert und sogleich mit den anwesenden Imkerinnen und Imkern diskutiert.

 

In der Station der Jungsteinzeit wurden zusätzlich Nachbildungen gefundener Klotzbeuten vorgestellt, die im nächsten Jahr mit Bienen besiedelt werden sollen. Auch hier bestand reges Interesse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich über die tatsächliche „Bienentauglichkeit“ der prähistorischen Beuten auszutauschen. Bereits für die Jungsteinzeit gibt es konkrete Nachweise in Form von Wachsanhaftungen an Keramikfunden, dass nicht nur Honig sondern auch Wachs geerntet und verwendet wurde. In der Bronzezeit kommt es zu einer kulturtechnischen Neuerung, die auf ein imkerliches Management schließen lässt: das Wachsausschmelzverfahren im Kontext des Bronzegusses. Erneut ist es das Wachs, welchem eine besondere Bedeutung zukommt, und nicht – worauf bei uns heute der Fokus liegt – der Honig.

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Ein erstes „Zeiteninsel-Bienenvolk“ ist bereits auf der Insel angekommen. An seinem Standort wurde anschließend kurz Station gemacht und vorgeführt, wie die langschmalen Waben der Bienen im Inneren einer jungsteinzeitlichen Klotzbeute aussehen könnten. Da man in die tatsächlichen Klotzbeuten nicht hineinschauen kann, gibt es ein „Schauvolk“ in einer modernen Holzbeute mit modifizierten Rähmchen, die die Größe der jungsteinzeitlichen Waben imitieren sollen. Dies wird zukünftig vor allem für ein imkerlich unerfahrenes Publikum einen spannenden Einblick ins Bienenvolk ermöglichen.

 

Zum Abschluss gab es noch eine Verköstigung von Bienenprodukten, die im Kontext einer prähistorischen Imkerei zu sehen sind: Honiglimonade mit Mädesüß, Haselnuss-Honig-Krokant und Presshonig. Die Technik des Honigschleuderns konnte bei den prähistorischen Beutenformen natürlich nicht angewendet werden. Der Honig musste gepresst werden und erhält dadurch andere Inhaltsstoffe und einen anderen Geschmack.

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Die Themenführung machte alle Anwesenden neugierig darauf, wie dieses Projekt zur prähistorischen Imkerei auf der Zeiteninsel im nächsten Frühjahr weitergehen wird.

Text: Dr. Sonja Guber      Fotos: Meike Schuler-Haas

Ein „Knochenjob“

Die Materialien Knochen, Mammut-Elfenbein und Geweih waren schon in der Steinzeit gebräuchlich für die Herstellung von Speerspitzen, Nadeln, Schmuck und Kunstgegenständen.

 

Ein berühmtes Kunstwerk ist der aus einem Mammut-Stoßzahn geschnitzte „Löwenmensch“, der vor ca. 40 000 Jahren auf der Schwäbischen Alb in einer Höhle deponiert wurde.

Der Archäo-Techniker Wulf Hein, der von diesem Löwenmenschen auf möglichst originale Weise eine Replik hergestellt hatte, war am vergangenen Wochenende bei der Zeiteninsel zu Gast für einen Workshop der besonderen Art: „Knochen-Bearbeitung mit steinzeitlichen Werkzeugen“. Zu diesem Kurs hatten sich 10 interessierte Teilnehmer angemeldet, die zwei Tage lang in die Techniken der Steinzeit eintauchen wollten.

Wulf Hein brachte diverse Materialien zum Schnitzen mit: Rentierknochen, Reh- und Hirschknochen, Stücke vom Mammut-Stoßzahn und Knochen vom Elch.

Zum Schnitzen wurden direkt vor Ort Steinwerkzeuge aus Feuerstein für die Teilnehmer – je nach Bedarf – hergestellt. Es war sehr interessant, zu sehen, wie für jede spezielle Tätigkeit das passende Werkzeug hergestellt und nach Abnutzung wieder geschärft werden konnte. So entstanden Sägen, Schaber, Stichel und Bohrer aus Abschlägen.

Zu Beginn des Kurses präsentiere Wulf Hein Repliken von Gegenständen aus Knochen und alle waren voller Bewunderung für die Tierdarstellungen und die Knochenflöte.

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Nun konnten die Teilnehmer selbst wählen, welchen Gegenstand sie herstellen wollten. Dann wurden entsprechend Knochen verteilt und besprochen wie diese weiter bearbeitet werden sollten. Wulf Hein riet dazu die Knochen anzufeuchten bzw. während der Bearbeitung immer wieder zu wässern; so lassen sie sich wesentlich leichter mit dem Feuerstein in Form bringen.

Für die Herstellung einer Knochennadel werden zunächst zwei Rillen parallel auf dem Knochen angelegt unddscn3853_snapseed diese dann durchgesägt, danach wird das Stück an den Enden abgesägt.

Aus dem langen Knochenspan wird nun eine Nadel herausgefeilt, doch zunächst wird das Loch für die Öse gebohrt. Knochennadeln sind seit ca. 40 000 Jahren in Europa nachgewiesen. Sie haben allerdings erst seit ca. 20 000 Jahren ein Nadelöhr.

Knochennadeln wurden bevorzugt aus dem Mittelfußknochen des Rentiers hergestellt.

Das Öhr entsteht durch beidseitiges Bohren und Einschneiden. Mit Hilfe eines Sandsteines wird die Spitze zugefeilt. Wenn eine Knochennadel nahe dem Ende abbrach, konnte sie nachgearbeitet und dann weiter genutzt werden.

Schön ist die Aufbewahrung von Nadeln in einem Behälter aus Knochen oder Geweih.

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Zwei Teilnehmer entschieden sich eine Knochenflöte herzustellen. Das originale Vorbild stammt aus Grubgraben in Österreich und ist ca. 20 000 Jahre alt.

Die Flöte wurde aus dem Scheinbeinknochen eines Rentiers hergestellt. Zuerst wurden die beiden Gelenkköpfe oben und unten abgesägt und die Schnittkanten mit Hilfe eines Sandsteines geglättet.

Dann wurden drei Löcher in den Knochen gebohrt, pro Loch benötigte eine Teilnehmerin ca. eine Stunde. Danach wurde das Mundstück dünn abgeschliffen und am Ende des Tages konnte ein erster musikalischer Test erfolgen.

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Ein weiteres „musikalisches“ Highlight war die Herstellung von Schwirrern durch zwei Teilnehmer.

Ein Schwirrer oder Schwirrgerät ist eines der ältesten Instrumente zur Erzeugung von Tönen. Es ist schon seit der Altsteinzeit bekannt, jedoch unklar, wozu es diente: als Musikinstrument, als Gerät zur Nachrichtenübertragung oder im religiösen Kontext?

Hierfür muss eine längliche Knochenplatte aus dem Knochen herausgearbeitet werden, die an beiden Enden oval zugespitzt wird. Für das Befestigen der Schnur wird noch ein Loch gebohrt und die herausgearbeitete Fläche eignet sich gut zum Anbringen eines Musters durch Einritzungen, die mit Holzkohle eingefärbt werden können.

In der Teilnehmergruppe wurden zwei Schwirrer hergestellt, die beide hervorragend funktionieren. Das weckte zum Schluss des Tages den einen oder anderen Wunsch zur Nachahmung, obwohl die Hände durch die ungewohnten Tätigkeiten doch recht arg beansprucht waren.

Am zweiten Tag ging es dann auch gleich voller Tatendrang weiter mit Bohren, Sägen und Polieren, die Teilnehmer hatten sich wieder viel vorgenommen.

Im Laufe des Tages kamen immer wieder interessierte Zuschauer vorbei, die sich über die Inhalte und vor allem die Ergebnisse des Workshops informieren wollten.

Es wurden Schmuckstücke aus Mammutelfenbein hergestellt und sofort fiel den Akteuren der Unterschied zu Knochen auf – das Material ist viel härter und lässt sich schwieriger bearbeiten – da dauert das Durchbohren einer Perle dann doch gleich über vier Stunden.

Während der Arbeit kamen Diskussionen über den Arbeitsalltag in der Steinzeit auf, über Arbeitsteilung, Spezialisierung usw. Durch das Arbeiten mit steinzeitlichen Materialien und Methoden bekommt man einen anderen Blick auf die Herstellung von Gegenständen wie Pfeilspitzen oder Nadeln.

Das Thema Fischfang muss auf der Zeiteninsel, direkt am Wasser gelegen, auch aufgegriffen werden und so stellte eine Teilnehmerin einen Angelhaken her und ein Teilnehmer schnitzte eine kleine Querangel aus einem Knochenrest.

 

Eine andere Teilnehmerin schnitzte aus Mammutelfenbein ein Frauenidol, nach dem Vorbild der „Venus von Gönnersdorf“, ca. 15 000 Jahre alt.

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Mühselig war die Herstellung von Speer- bzw. Harpunenspitzen, die auch zunächst aus dem kompletten Knochen als „Platte“ herausgearbeitet werden mussten, bevor dann mit der Feinarbeit des Zuspitzens begonnen werden konnte. Diese Projekte dauerten die kompletten zwei Tage des Workshops.

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Einige Teilnehmer stellten Ahlen oder Pfrieme aus Knochen her. Dieses Allround-Werkzeug zum Stechen von Löchern in weichere Materialien ist z.B. notwendig, um Leder für das Nähen mit der Knochennadel vorzubereiten, denn die Spitze einer Knochennadel ist in ihrer Stabilitädscn3880t nicht mit einer heutigen Nähnadel zu vergleichen.

Auch „Ötzi“ hatte eine solche Knochenahle bei sich.

Am Ende des zweiten Tages waren viele Objekte fertiggestellt und andere noch in der Fertigungsphase – die Teilnehmer wollen in jedem Fall „dranbleiben“ und weiter mit dem Material Knochen/Geweih arbeiten.

Wir danken Wulf Hein für diesen inspirierenden Kurs, seine Erfahrung und sein Wissensschatz, auch über die Knochenbearbeitung hinaus, hat uns sehr motiviert und wir hoffen, ihn auch im kommenden Jahr wieder für einen Workshop auf der Zeiteninsel gewinnen zu können.

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Fotos: Meike Schuler-Haas und Anke Udelhoven

Grubenbrand durchgeführt

Auch in diesem Jahr trafen sich die Teilnehmer der Keramik-Workshops, um die hergestellte Keramik (wir berichteten Workshop Keramik der Rössener Zeit) zu brennen.

In diesem Jahr wollten wir einen Grubenbrand durchführen. Die Brenngrube war bereits vorhanden. Wir stellten nur einen Absatz in der Grubenwand wieder her, auf dem wir die getrocknete Keramik zum Vorwärmen aufreihen konnten. Dafür wurde zunächst in der Grube ein kontrolliertes Vorfeuer entfacht, das auf der Grubensohle ein Glutbett entstehen ließ. Der Wind blies beständig über unsere recht tiefe und geschützte Grube und ließ uns leicht die bereits entstandene Hitze in der Grube unterschätzen. So mussten wir das Glutbett noch eine ganze Weile abkühlen lassen, bevor die richtige Temperatur zum Einsetzen der vorgewärmten Keramik erreicht war.

Die rund 30 Gefäße wurden nun sorgfältig auf Steinen, alten Dachziegeln u. ä. über die Glut gesetzt, ohne mit dieser direkten Kontakt zu haben. Um wie bei den Originalfunden im Inneren eine dunkle Farbe zu erzielen, füllten wir viele der Gefäße mit Heu und verschlossen sie beim Einsetzen mit anderen Töpfen, da das Heu nicht verbrennen, sondern in den Gefäßen unter Sauerstoffmangel nur verschwelen sollte.

Nun wurde vorsichtig das Feuer aufs Neue entfacht und ganz langsam durch gut platziertes Holz beim Nachlegen als Feuerring in der Grube der Keramik angenähert.

Der Brand wurde so lange weiter gezügelt geführt bis die Farbe der Keramik sich änderte. Erst nach dieser mehrstündigen Aufheizphase legten wir das Brennholz schließlich auch vorsichtig zwischen und über die Gefäße, die nun direkt im Zentrum der Flammen der größten Hitze ausgesetzt wurden.

Wir wollten einen reduzierenden Brand durchführen, um eine Schwarzfärbung der Keramik zu erreichen. Daher wurde das Feuer über den nun glühenden Gefäßen mit Hilfe von Laub, Stroh, Grasschnitt erstickt. Nachdem sich starker Qualm entwickelt hatte, deckten wir die Grube mit einer Erdschicht ab.

Aus unseren Erfahrungen der letzten Brände heraus beschlossen wir diesmal noch länger zu warten, bis die Keramik abgekühlt war…und so wurde die Grube erst nach drei Tagen geöffnet.

Doch das Feuer hatte in den unbewachten Stunden nach dem Abdecken doch noch seinen Weg durch die Abdeckung gefunden und war noch einmal aufgeflammt. Durch dieses Nachbrennen waren in einigen Bereichen wieder sauerstoffreiche Flammen an die Gefäße gekommen und haben eine durchgehende Reduzierung des Brandes verhindert, wodurch die gewünschte vollständige Schwarzfärbung der Keramik zwar nicht durchgehend gelang, sie hat aber interessante Farbschattierungen erhalten.
Unsere Grube hat die Hitze nach dem Bedecken mit Erde noch so enorm gespeichert, dass die Stücke durch die lange Brenndauer sehr hart gebrannt waren.

Diesmal gab es zum Glück nur wenige Verluste, was uns sehr freut.

Nun müssen wir wieder in die Produktion gehen, damit wir auch im kommenden Jahr genügend Material für einen Brand haben – dafür haben wir uns als Ziel gesetzt, Erfahrungen mit einem Meilerbrand zu sammeln.

Text: Susanne Gütter / Meike Schuler-Haas  Fotos: Meike Schuler-Haas