Archäologisches Langzeitexperiment auf der Zeiteninsel II

Seit Oktober 2016 lagert auf der Zeiteninsel Gerste in Vorratsgruben. Auf dem Gelände wurden insgesamt sechs Speichergruben angelegt. Informationen zum kulturhistorischen Hintergrund, dem Experimentaufbau und den Fragestellungen finden sich im Blogbeitrag vom 13.01.2017 und auf der Seite des Vorgeschichtlichen Seminars Marburg.

Nachdem nun acht Monate seit der ersten Einlagerung vergangen sind, wurde am 07.07.2017 eine erste Grube wieder geöffnet. Abweichend von der ursprünglichen Konzeption wurde der Entschluss gefasst, die Grube nicht archäologisch auszugraben und somit zu zerstören, sondern das Getreide wieder einzufüllen. Anhand dessen soll im nächsten Jahr überprüft werden, inwiefern sich eine zwischenzeitliche Öffnung negativ auf das Lagergut auswirkt.

Zunächst erfolgte die Lokalisierung der Grube. Die Öffnung und Probenentnahme nahmen ca. 30 Minuten in Anspruch. Im oberen Bereich der Verfüllung wurde eine stark komprimierte Zone aus Getreide festgestellt, die manuell nur schwer zu beseitigen war. Hier war auch die Erdvermischung am stärksten. Der nach dem Erdkontakt erwartungsgemäß stark biogen veränderte Randbereich war ebenfalls deutlich ausgeprägt und gut nachzuvollziehen.

01_Randbereich

Im weiteren Verlauf der Grube wurde mit einem Gefäß die wie locker eingeschüttet liegende Gerste ausgeschöpft und seitlich gelagert.

Der Kegelstumpf war an seinem Beginn in seiner Form stark eingeschränkt, die biogen veränderte Schicht stärker ausgeprägt als im Hals der Grube.

04_BlickKegelstumpf

Mit zunehmender Tiefe war der Kegelstumpf besser abgebildet und mehr Getreide erhalten. Es war nicht möglich, den Grubenboden zu erreichen, ohne den Halsbereich der Grube zu zerstören. Hierauf wurde aus oben genannten Gründen verzichtet.

Bereits im oberen Drittel der Grube machte sich ein mäßig starker, an Silage erinnernder Geruch bemerkbar. In der biogen veränderten Randschicht wurden zudem dunklere Partien oder auch mit weißlichen Verfärbungen überzogene Teile sichtbar. Hierbei könnte es sich um Schimmel handeln, die Laboranalysen sollten hierzu Klarheit verschaffen.

Insgesamt wurden 11 Proben aus dem Getreide entnommen. Diese verteilen sich auf verschiedene Partien des Randbereichs und der Mitte der Grubenfüllung, also dem erhaltenen und dem biogen beeinträchtigten Bereich. Zehn der Proben wurden an das Institut für Phytopathologie der Justus-Liebig-Universität Gießen übersendet, wo Prof. Dr. Karl-Heinz Kogel als Projektpartner gewonnen wurde. Hier soll der Befall mit Pilzen und Bakterien untersucht werden. Eine Probe des Getreides wurde an das Hessische Landeslabor, Fachgebiet IV.4 Futtermittel, Saatgut und Düngemittel und Dr. Elke Nitschke übersendet. Hier wird die Keimfähigkeit des eingelagerten Getreides überprüft.  Als vorläufiges Ergebnis der ersten Öffnung ist festzuhalten, dass erfreulich viel Getreide erhalten geblieben ist. Die Beeinträchtigung durch Schimmelpilze ist zumindest im Inneren der Grube optisch nicht bemerkbar. Die Gerste gleicht der im Herbst 2016 eingefüllten und scheint ohne Einschränkungen weiter nutzbar zu sein.

Wir sind gespannt auf die Ergebnisse des nächsten Frühjahrs!

Text und Fotos: Dr. Daniel Scherf, Vorgeschichtliches Seminar der Philipps-Universität Marburg

Archäologisches Langzeitexperiment auf der Zeiteninsel

Im Rahmen einer Kooperation führt das Vorgeschichtliche Seminar der Philipps-Universität Marburg auf dem Gelände der Zeiteninsel – Archäologisches Freilichtmuseum Marburger Land ein Langzeitexperiment zur Lagerung von Getreide in Silogruben durch. Das Experiment wird gefördert von der Stadt Marburg und dem Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Die Einlagerung von Getreide in Silogruben ist über den gesamten Zeitraum der produktiven Lebensweise in der Vor- und Frühgeschichte bekannt und zählt zu den wohl wichtigsten, langfristigen Speichermethoden. Dies betrifft nicht nur Saatgetreide sondern auch Getreide, das im fortgeschrittenen Winter verarbeitet werden sollte. Während die ablaufenden, taphonomischen Prozesse für Gruben mit senkrechten Wänden, wie sie bspw. aus der Bandkeramischen Kultur bekannt sind, relativ gut experimentell untersucht sind, fehlen Untersuchungen zu Kegelstumpfgruben, wie sie in zahlreichen jüngeren Komplexen auftreten (Lüning 2000, 173). Lediglich zu zylindrischen Gruben wurde in den 1970er Jahren ein Experiment auf der Butser Ancient Farm durchgeführt (Reynolds 1979).

Im Oktober und November 2016 wurden auf dem Gelände der Zeiteninsel insgesamt sechs Speichergruben für Getreide angelegt. Ziel des Versuches ist es, die Langzeitauswirkung auf das eingelagerte Getreide zu untersuchen. Die Gruben sollen in verschiedenen Zeitabständen archäologisch ausgegraben werden, wobei das Hauptaugenmerk auf der Befundgenese liegt. Ein weiterer Gesichtspunkt ist der Einfluss des biogeographischen Milieus auf das Getreide. Aus wärmeren Klimazonen sind Einlagerungen von bis zu 50 Jahren Dauer dokumentiert (Seheer 2000). In dem hier durchgeführten Experiment soll das wieder ausgegrabene Getreide stichprobenartig nach verschiedenen Gesichtspunkten untersucht werden. Besonders die Belastung mit Schimmelpilzen und der Schädlingsbefall sind dabei von Interesse. Auch die Keimfähigkeit des Getreides nach längerer Bodenlagerung soll dokumentiert werden.

Die sechs Gruben wurden gemeinsam mit Teilnehmern eines einführenden Seminares zur Experimentellen Archäologie angelegt. Hierbei wurde zuerst ein zylindrischer Schacht mit ca. 60 cm Durchmesser und 100 cm Tiefe angelegt.

Danach wurden die unteren beiden Drittel zu einem Kegelstumpf ausgearbeitet, bis der Bodendurchmesser bei ca. 100 cm lag. Nachdem die Gruben fertiggestellt waren, erfolgte die Verfüllung mit Getreide. Hierfür wurde Bio-Gerste verwendet, die vom Naturland-Betrieb Matthias Happel in Weimar erworben wurde. Insgesamt wurden ca. 1,3 Tonnen Gerste eingebracht.

Diese wurde in einigen der Gruben locker eingeschüttet, in anderen durch Treten und Stampfen verdichtet. Ob dies einen Einfluss auf die Erhaltung des Getreides hat, gehört ebenfalls zu den Fragestellungen des Experiments. Waren die Gruben bis etwa 20 cm unter der Mündung verfüllt, wurde eine Schicht aus dem Grubenaushub eingebracht und verdichtet. Ziel war ein möglichst luftdichter Abschluss des eingelagerten Getreides.

Die anfangs ausgestochenen Rasensoden wurden wieder eingesetzt und die Spalten und Risse ebenfalls mit Material aus dem Aushub aufgefüllt. In den kommenden Wochen erfolgte eine regelmäßige Kontrolle der Gruben. Hierbei war festzustellen, dass die obertägigen Setzungserscheinungen sich sehr in Grenzen hielten und nur bei wenigen Gruben signifikant sichtbar wurden. Entstehende Risse wurden entsprechend abgedichtet. Bereits nach zwei Wochen hatten einzelne Körner der Gerste, die auf der Oberfläche ausgefallen waren, begonnen zu keimen.

Im Idealfall sollte die äußere Schicht des Getreides, die in unmittelbarem Kontakt zum Erdboden steht, beginnen zu keimen bzw. zu schimmeln. Durch diese ablaufenden, biogenen Prozesse sollte der Restsauerstoff aus der Grube entzogen und so ein anaerobes Milieu gebildet werden, das mögliche Zersetzungsprozesse unterbindet. Diese Reaktion sollte nach Verbrauch des Restsauerstoffes unterbrochen sein, woraus sich eine luftdichte Lagerung des innenliegenden Getreides ergibt. Durch die zu erwartende, verfilzte Schicht aus gekeimtem, unbrauchbar gewordenem Getreide wird gleichzeitig das Eindringen von Wasser, Schadnagern und Insekten sowie Bakterien und Pilzen erschwert.

Die erste Ausgrabung einer der angelegten Gruben soll in der ersten Jahreshälfte 2017 erfolgen. Bis dahin sei allen Beteiligten und Unterstützern herzlich gedankt.

 

Fotos und Text: Dr. Daniel Scherf, Vorgeschichtliches Seminar der Philipps-Universität Marburg