Ein Wochenende mit einem der besten Steinschläger Deutschlands

Auch in diesem Jahr ist es uns gelungen Andreas Benke, einen der besten „Steinschläger“ Deutschlands, für einen Workshop auf der Zeiteninsel zu gewinnen.

Wer die Veranstaltung „Geschichte(n) erleben“ Rückschau: Großveranstaltung „Geschichte(n) erleben“ am 13. Mai im Mai besucht hat, konnte Andreas Benke bereits in Aktion erleben und sich bei ihm über die Kunst der Feuersteinbearbeitung informieren. Hier kann auch der Bericht über den Kurs im vergangenen Jahr nachgelesen werden.

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Am letzten Juni-Wochenende trafen sich 13 Interessierte auf der Zeiteninsel, um zu erfahren und zu lernen, wie mit den Werkstoffen Feuerstein, Obsidian und auch Glas Erzeugnisse wie Klingen, Faustkeile oder Pfeilspitzen hergestellt werden können. Der Kurs war für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen geeignet.

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Am ersten Tag führte Andreas Benke in die Beschaffenheit des Materials und die Grundtechniken ein, um zunächst einfache Abschläge zu gewinnen, die dann weiter verarbeitet werden können. Es ging vor allem erst einmal darum, ein Gefühl für den Stein zu gewinnen. Die Kursteilnehmer erhielten große Feuersteinknollen von der Ostsee und dann konnte es losgehen. Von weitem schon war nun das Klopfen von Schlagsteinen oder Geweihenden, im Fachjargon „pöckern“, zu hören. Im Grunde begannen die Teilnehmer nun „in der Altsteinzeit“ und arbeiteten sich dann bis zum Ende des Workshops zur Mittelsteinzeit vor.

In der Mittagspause ergriffen die Kursteilnehmer die Gelegenheit, um das Gelände der Zeiteninsel zu besichtigen. Das im vergangenen Jahr errichtete Langhaus der Jungsteinzeit Richtfest Rössen-Haus, stand dabei natürlich im Fokus.

Am Nachmittag ging es dann mit frischen Kräften erneut ans Werk und zum Tagesende hatte jeder Teilnehmer bereits eine kleine Ausbeute von Faustkeilen oder Klingen zur Seite gelegt. Außerdem gab es eine kleine Einführung zum Thema „Feuer machen“ von Andreas Benke.

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Am nächsten Tag standen die Wünsche der Kursteilnehmer im Mittelpunkt, wie ein eigenes Ötzimesser, Pfeilspitzen oder Sicheln herzustellen.

Es wurden weitere Techniken, wie z. B. das Abdrücken mit Stäben, deren Ende mit einem Dorn aus Kupfer versehen sind, gezeigt, wodurch die Kursteilnehmer in die Lage versetzt wurden, feine Retuschen am Feuerstein anzubringen.

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Interessant waren auch die Versuche von zwei Kursteilnehmern mit dem Werkstoff Glas zu experimentieren. Ein Flaschenboden ist hierfür gut geeignet und heraus kam eine schöne Pfeilspitze.

Ein dem Material Glas sehr ähnlicher Werkstoff ist Obsidian (vulkanisches Glas). Fundstellen von Obsidian sind in Europa vor allem bekannt aus Island und Italien, wo noch heute aktiver Vulkanismus vorkommt. Die Verbreitung von Obsidian über weite Entfernungen ist bereits seit der Steinzeit belegt, allerdings eher selten. Am bekanntesten sind Obsidianklingen der Azteken.

Andreas Benke hatte einen rötlichen und einen schwarzen Knollen Obsidian mitgebracht. Daran konnten die Kursteilnehmer den Unterschied der Materialien ausprobieren.

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Alle Kursteilnehmer waren sich einig: sie haben viel gelernt, hatten eine tolle Zeit und wollen im nächsten Jahr wieder kommen.

Wir danken Andreas Benke wieder einmal für ein inspirierendes Wochenende.

 

Text und Bilder: Meike Schuler-Haas

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Auftakt der Kooperation mit dem Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf e.V.

Vor zwei Wochen startete eine auf längere Zeit angelegte Kooperation zwischen der Lebenshilfe Marburg und der Zeiteninsel. Hierfür fanden sich an einem sonnigen Samstag fünf hochmotivierte Teilnehmerinnen samt zwei Betreuern auf dem Gelände ein. Im Rahmen des Freizeitprogrammes der Lebenshilfe haben sie sich schönerweise dafür entschieden, einen ganzen Tag auf der Insel zu verbringen und bei unseren beiden erfahrenen Workshop-Leiterinnen Brigitte Schmitz und Gabriele Christ einen Töpferkurs – Thema Steinzeit und Germanen – zu absolvieren.

Die Teilnehmenden waren das erste Mal bei uns, daher gab es zunächst eine Führung über das künftige Museumsgelände, wobei vor allem der Nachbau des jungsteinzeitlichen Hauses sehr beeindruckte. Im Anschluss hatte nun jeder die Möglichkeit, mehrere Gefäße und Anhänger zu töpfern, mit tollen Ergebnissen.

Nach einer Stockbrot- und Picknickpause folgte der zweite Teil des Workshops. Am späten Nachmittag waren sich alle Beteiligten einig: Es wird sicherlich eine Fortsetzung im kommenden Jahr geben!

Für Kinder und Jugendliche sind außerdem im Zuge des Ferienprogrammes der Lebenshilfe schon Ende Juli/ Anfang August weitere Projekttage auf der Zeiteninsel geplant.

Kurs der offenen Bronzezeitwerkstatt im April 2018

Bei schönstem Frühlingswetter fanden sich am letzten Wochenende im April sieben Teilnehmer für den ersten Kurs der offenen Bronzezeitwerkstatt in diesem Jahr zusammen. Zur besonderen Freude durfte auch die mit zehn Jahren bisher jüngste Teilnehmerin in elterlicher Begleitung teilnehmen. Die Thematik Bronzeguss im Freiland mit selbsterstellten Lehmformen stellte für die meisten mehr oder weniger „Neuland“ dar. Daher konzentrierte sich das Programm der zwei Tage zunächst vornehmlich auf die Erstellung der dafür notwendigen Modelle aus Bienenwachs und auf deren Ummantelung mit Lehm.

1Je nach Art, Größe und Detailreichtum konnte die Erstellung eines Modells durchaus Beschäftigung für einen ganzen Tag bieten. Vor allem das Bewusstsein, dass sich jedes Detail im Wachsmodell später genauso in der eher müßig zu bearbeitenden Bronze abbilden wird, spornte viele dazu an, möglichst viel Arbeit in ihr Wachsobjekt zu investieren. Fertige Objekte wurden dann mit einer feinen Lehmschlemme eingepinselt, die die Abdrucksgenauigkeit feiner Details im Modell garantieren soll. Dann folgte der eigentliche Formenaufbau in mehreren Schichten, aus Lehm und Zuschlagsstoffen wie Pferdemist und Haaren.

Am Ende des zweiten Tages waren gut 15–20 solcher Formen fertiggestellt. Sie werden an den Folgeterminen im August bzw. September im Feuer gebrannt. Die Wachsmodelle werden dabei vergehen, aber ihre Negativabdrücke bleiben zunächst bestehen. Sie sollen mit flüssiger Bronze ausgegossen werden. Dafür wurde bereits ein neuer Ofen in windgeschützterer Position errichtet.

Freude bereitete auch die Begutachtung fertiggestellter Objekte aus den Kursen des vergangenen Jahres, bei der man die langen Arbeitsprozesse noch einmal in Ruhe Revue passieren lassen konnte. Für unsere jüngste Teilnehmerin und weiteren Nachwuchsbesuch wurde zudem ein „Mini-Grubenbrand“ durchgeführt, der von den Kindern am zweiten Tag mit Begeisterung geöffnet werden konnte.

 

Text: Boris Potschka

Workshops der offenen Bronzezeitwerkstatt im August und September 2017

Im August und September fand am jeweils ersten Wochenende eine offene Bronzezeitwerkstatt statt. Sechs bzw. sieben Teilnehmer fanden sich zusammen, um die notwendigen Arbeitsschritte für die Erstellung sogenannter `verlorener Formen´ für einen Bronzeguss zu erlernen oder zu vertiefen. Dafür wurden zunächst portionierte Brocken aus Bienenwachs in der Nähe der Feuerstelle erwärmt und grob in Form geknetet, bevor die Modelle immer detaillierteren Bearbeitungen unterzogen werden konnten – ein äußerst inspirativer Prozess, bei dem sich manch einer seine Ideen erst mit den Händen erarbeitete.

Parallel konnten einige der Teilnehmer, die Lehmformen aus den Kursen des Vorjahres dabei hatten, diese im offenen Feuer brennen, um die Formen zu härten und den Wachs auszuschmelzen. Im Vorfeld der Workshops mussten die Wände des Ofens, der über den Winter recht marode geworden war, restauriert werden. Die aus Lehm gebrannte Lochplatte über dem Grund des Ofens wurde komplett ersetzt. Im Nachhinein hätte sich ein Neubau des Ofens aber als sinnvoller erwiesen.

An beiden Terminen war zunächst unklar, ob am ersten Tag bereits ein Bronzeguss stattfinden konnte, da ein recht kräftiger Wind aus Richtung des Dünsbergs wehte und Regenschauer drohten. Zudem hatten sich beim Septembertreffen Nacktschnecken im Zuluftschacht des Ofens einquartiert, die verhinderten, dass dieser seine benötigten Temperaturen erreichte. Die Suche nach der `Fehlerquelle´ strapazierte ein wenig die Nerven, sie konnte aber schließlich behoben werden.IMG_0437Als der Wind dann in den frühen Stunden der ersten Abende nachließ, wurde der Ofen kurzentschlossen in Betrieb genommen. Neue Schmelztiegel wurden eingebrannt und die ersten Bronzegüsse durchgeführt – mit Erfolg! Das Öffnen der bis auf Handwärme herunter gekühlten Formen war genauso wie das Gießen an sich ein Gruppenerlebnis der besonderen Art! Insgesamt wurden an den beiden Terminen über dreißig Bronzegüsse durchgeführt, von denen sich nur zwei als sogenannte Fehlgüsse herausstellten. Ob der Ofen jedoch weitere Gießaktionen mitmachen wird, bleibt zu bezweifeln. Er soll neu gebaut werden.

Was nun aussteht, ist das Nachbearbeiten der Ergebnisse durch Entgraten mit Hammer und Meißel, sowie durch Schleifen und Polieren mit geeigneten Flusskieseln und Flintsteinen. Wundervolle Heimarbeit für die Herbst und Winterzeit.

 

Text: Boris Potschka

 

Was man alles aus Feuerstein machen kann…

Anfang Juni trafen sich 12 Teilnehmer zu einem Workshop der besonderen Art: „Steine schlagen“.

Veranstaltungen bei denen Archäotechniker die Herstellung von Werkzeugen aus Feuerstein demonstrieren, haben immer eine besondere Anziehungskraft für das Publikum. Vielleicht werden hier unsere Urinstinkte geweckt, denn wie das Entzünden von Feuer, ist die Herstellung einer Pfeilspitze beinahe ein „magischer“ Vorgang, der jahrelange Übung und ein tiefes Verständnis für den Aufbau des Steins voraussetzt.

Feuerstein (silex, flint) ist eine Art Kieselgestein, das vor 100 Millionen Jahren aus Kleinstlebewesen, wie Kieselalgen, in Hohlräumen eines Muttergesteins, meist Kreide, entstand. Es eignet sich gut zur Herstellung von Schneide-Werkzeugen, da es eine sehr hohe Dichte aufweist und scharfe Kanten hergestellt werden können.

Im Marburger Land gibt es keine natürlichen Vorkommen, hier mussten sich die Menschen mit anderen geeigneten Gesteinen wie Kieselschiefer oder Quarziten behelfen. Feuerstein von guter Qualität kommt an der Ostsee, in den Niederlanden und auch in Frankreich vor. Schon früh wurde er zu einer begehrten Handelsware und gelegentlich kann aufgrund von speziellen Merkmalen festgestellt werden, wo ein Feuerstein herstammt, der etwa an einem Rastplatz von Jägern und Sammlern gefunden wurde.

Es war uns erneut gelungen, den „Steinexperten“ Andreas Benke für einen Workshop zu gewinnen. Dieser begann am Samstag zunächst mit einer Einführung in die Technik des Aufschließens einer Feuersteinknolle mit Hilfe spezieller Schlagtechniken. Ziel war es, für die Anfänger Abschläge zu gewinnen, die dann weiter verarbeitet werden konnten und Erfahrung in der Bruchmechanik des Feuersteins zu gewinnen.

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Mit Feuereifer und viel Energie begannen die Teilnehmer nun die Feuersteinknollen zu zerlegen, so dass die Splitter nur so umherflogen. Lange Zeit hörte man nur das Schlagen von Stein auf Stein und alle waren sehr konzentriert bei der Sache.

Im Laufe des Tages wurde der Haufen von großen Feuersteinknollen immer kleiner und zum Tagesende hatten die Teilnehmer eine Ahnung davon, wie diese Technik grundsätzlich funktioniert. Auch dem Letzten war spätestens jetzt klar – so einfach ist die Sache nicht.

Zu Beginn des 2. Tages präsentierte Andreas Benke seine selbst hergestellten Werkzeuge, Repliken von archäologischen Funden und Waffen, wie verschiedene Pfeile und vor allem Pfeilspitzen und Dolche. Er gab auch eine kurze Einführung in die Typologie der Steingeräte der letzten 2,5 Mio. Jahre sowie einen kleinen Schlenker zur Herstellung von Birkenteer und seine Verwendung bei der Befiederung von Pfeilen.

Danach wurde das Tagesziel ausgegeben: die Herstellung von Pfeilspitzen. Dazu hatte Andreas Benke viele vorbereitete Abschläge mitgebracht, aus denen sich Pfeilspitzen einfacher herstellen lassen sollten, da ja das Aufschließen des Steins bereits erfolgt war.

Nach einer Einführung in die Flächenretusche, die zur Verdünnung bzw. Formgebung  notwendigeTechnik, versuchten sich die Teilnehmer in der Herstellung von Pfeilspitzen. Die Handhabung von Druck- und Schlaginstrumenten aus Kupfer, Geweih und Stein rückte nun in den Fokus, um mit Hilfe des sogenannten indirekten Schlags Retuschen erzeugen zu können.

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Zwischendurch erfolgte noch eine Vorführung zur Effektivität von diversen Steingeräten bei der Verarbeitung von organischem Material, wie etwa das Schneiden von Gras mit einer Sichel.

Im Verlauf des Kurses wies Andreas Benke immer wieder darauf hin, wie entscheidend der richtige Auftreffwinkel ist, um den gewünschten Effekt, sprich Retusche, Abschlag etc. zu erzielen.

Auch griff er den Teilnehmern bei ihren individuellen, teils ehrgeizigen Projekten, wie der Herstellung eines Beils, unter die Arme…und wie von Zauberhand entwickelten sich die gewünschten Formen durch gezielte Schläge.

Die Zeit verging im Flug und am Ende des Tages ging es dann auch noch um ganz andere Themen, zu denen Andreas Benke eine Fülle seines fundierten Wissens und seiner breit gestreuten Erfahrungen bereitwillig beisteuerte.

Wir danken sehr und hoffen auf einen weiteren Kurs im nächsten Jahr!

 

 

Welches Kräutlein wächst denn da?

Dieser Frage stellten sich die Teilnehmer der Kräuterwanderung auf der Zeiteninsel am vergangenen Sonntag.

Wenn im Frühling die Natur förmlich explodiert und wir uns nach der langen Winterpause nach frischen Kräutern sehnen, fühlen wir uns den Menschen der Vergangenheit, die ohne Ganzjahresangebot durch Supermärkte lebten, eng verbunden.

Auch auf dem Gelände der Zeiteninsel haben sich in den letzten Jahren viele essbare Kräuter, aber auch Färbepflanzen und Heilkräuter angesiedelt, die nun gesucht und geerntet werden sollten.

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Die Biologin Dr. Astrid Wetzel hatte großformatige Fotos der zu sammelnden Kräuter vorbereitet und an jeden Teilnehmer ein Foto mit einer Pflanze verteilt. Sie stellte die Aufgabe, die jeweilige Pflanze auf dem Gelände zu finden und zu ernten.

Zu jeder Pflanze wurde der Name „abgefragt“ und ihre  Bedeutung erklärt.

Dann ging es los und alle schwärmten aus. Die Teilnehmer mit Ortskenntnis hatten die Brennnesseln und den kleinen Wiesenknopf schnell gefunden, aber es gab auch Kräuter, die etwas kleiner und unauffälliger sind. Da fiel die Suche und Bestimmung schon schwerer.

Nachdem die Kräutersucher mit dem Spaten noch Meerrettich und wilde Möhre geerntet hatten, trugen  sie alle Kräuter nach Sorten zusammen und besprachen sie  gemeinsam. Es ging vor allem darum, welche Teile der Pflanze verwendet werden können und wie die unterschiedlichen Kräuter riechen bzw. schmecken.

Interessant war es zu sehen, dass der Standort der jeweiligen Pflanze eine große Auswirkung auf ihr Aussehen hat. So kann dieselbe Pflanze sehr unterschiedlich aussehen, wie am Beispiel der Vogelmiere zu erkennen war.

Es wurden alle Kräuter gemeinsam bestimmt, außerdem behandelte Astrid Wetzel noch weitere Pflanzen, die auf der Zeiteninsel wachsen und andere Verwendungsmöglichkeiten bieten. Danach ging es an die Verarbeitung der gesammelten Kräuter. Die Teilnehmer hackten – durch einen kurzen Gewitterguss unterbrochen – die Kräuter fein und verarbeiteten sie zu köstlichen Smoothies mit Kokosmilch oder zu Kräuterquark und Pesto.

Das Ergebnis war sehr lecker und nachdem der Regen sich verzogen hatte, saßen alle  noch lange beisammen und genossen die wärmende Frühlingssonne.

Vielen Dank an Dr. Astrid Wetzel – wir haben wieder viel gelernt.

Wie stellten die jungsteinzeitlichen Bauern vor 4500 Jahren ihre Keramikgefäße her?

Mit dieser Frage beschäftigten sich am vergangenen Wochenende die Kursteilnehmer des Workshops „Keramik der Rössener Zeit“ unter der Anleitung von Archäo-Technikerin Susanne Gütter.

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Nach einer kurzen Einführung präsentierte Susanne Gütter neben Repliken auch Originalfunde aus der Rössener Zeit, die bei Ausgrabungen im Lahntal gefunden wurden. Anhand der Scherben erklärte Frau Gütter anschaulich, wie die Menschen in der Jungsteinzeit den Ton aufbereiteten, die Keramik aufbauten und auf welche Art und Weise sie diese verzierten.

Die Teilnehmer konnten sich anschließend überlegen, welche Art von Gefäßen sie herstellen wollten, denn danach richtete sich die Vorbereitung des Tons mit der entsprechenden Magerung mit Sand und / oder gemahlenem Quarzgrus, welcher natürlich erst hergestellt werden musste.

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So lernten die Beteiligten den kompletten Herstellungsprozess bis zum fertigen Gefäß kennen und schärften ihren Blick für die Beschaffenheit der gefundenen Gefäßscherben.

Nachdem der Quarzgruß mit Schiebemühlen fein gemahlen worden war, wurde dieser mit Sand und Ton vermischt und untergearbeitet.

Mit Abschluss dieser ersten Herstellungsschritte  konnten sich die Keramikinteressierten vorbereitete Zeichnungen von Gefäßen anschauen und mit der Fertigung von Schüsseln, Kumpfen, Töpfen usw. beginnen.

Die Herstellung der Gefäße erfolgte in der Technik der „Aufbaukeramik“. Diese beinhaltet, dass das Gefäß bzw. die Gefäßwandung durch  gleichmäßig geformte Rollen, die angelegt und dann miteinander verstrichen werden, entsteht. Um dem Ton etwas Stabilität zu geben, kann zu Beginn in einer Form gearbeitet werden.

Die Teilnehmer merkten schnell, wie sehr die Witterung den Prozess der Keramikherstellung beeinflusst, denn bei sonnigem und windigem Wetter trocknet der Ton sehr schnell aus und verändert seine Beschaffenheit. Daher muss er zügig bearbeitet und zwischendurch immer wieder mit Wasser angefeuchtet werden.

Diese Temperaturschwankungen führten letztendlich zu Rissen in den Gefäßen, also wurde  bereits am ersten Tag die Werkstatt von draußen ins Innere des Holzhauses verlegt.

Zum Ende des ersten Kurstages hatte jeder bereits mindestens ein Gefäß hergestellt.

Glücklicherweise beruhigte sich am zweiten Kurstag  das Wetter, so dass zunächst wieder draußen an der frischen Luft gearbeitet wurde. Nun begann bei den meisten der „Feinschliff“:

Die hergestellten Gefäße mussten mit Hilfe von glatten Steinen poliert und / oder mit komplizierten Strich- und Stichmustern nach Originalfunden verziert werden.

Dazu suchten sich die Beteiligten  Werkzeuge wie Knochen, Muscheln, Steinklingen oder Hölzchen heraus, die in etwa den Mustern der Originale glichen.

Am Ende des zweiten Tages war eines klar – die Menschen der Jungsteinzeit hatten bereits ein hohes Niveau der Keramikherstellung erreicht. Den Kursteilnehmern hat es sehr viel Freude gemacht, die einzelnen Schritte der Herstellung eines Keramikgefäßes nachzuvollziehen und so einen kleinen Blick in diese Welt zu erhalten.

Nun müssen die Erzeugnisse einen Trocknungsprozess durchlaufen, um  anschließend im September in einem Meilerbrand haltbar gemacht zu werden.

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Wir danken Susanne Gütter für dieses inspirierende Wochenende.

Fotos: Meike Schuler-Haas und Sarah Fräßdorf

Workshop Nadelbinden

Was bedeutet Nadelbinden oder Naalbinding? Ist das erlernbar in zwei Tagen? Macht das Spaß? Lässt sich damit etwas anfangen?

Diesen drängenden Fragen stellten sich am vergangenen Wochenende fünf Frauen im Workshop Nadelbinden, geleitet von Peggy Meinert.

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„Naalbinding oder Schlingentechnik ist eine Technik zur Herstellung von textilen Flächengebilden mit Hilfe eines Fadens und einer Nadel“ weiß Wikipedia.

Archäologisch lässt sich das Nadelbinden bis in die Jungsteinzeit (Bastnetz, Schweden) zurückverfolgen, es ist eine alte Textiltechnik, die in vielen Bereichen der Welt bis heute ausgeübt wird.

Es ist möglich, dass sich Nadelbinden aus dem Knüpfen von Fischernetzen entwickelt hat.

Aus der Bronzezeit ist ein Frauenhemd aus Schweden bekannt, aus dem 1. Jh. Fäustlinge aus Schweden, aus dem 4. – 6. Jh. Socken aus Ägypten. Funde aus dem Mittelalter sind häufiger, vor allem aus Skandinavien.

Aus Deutschland wurden Textilien bis ins 16. Jahrhundert in größerem Umfang hergestellt, danach verschwand das Nadelbinden fast völlig.

Mit dieser Technik können Kleidungsstücke wie Handschuhe, Mützen, Socken aber auch Gebrauchsgegenstände wie Milchseier und Beutel hergestellt werden.

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Zur Herstellung wurden Nadeln aus Holz, Horn, Knochen oder Bronze verwendet, meist 5 – 8 cm lang, 3 – 10 mm breit, mit stumpfer Spitze und großem Öhr. Erste Funde von Nadeln sind 30 000 Jahre alt.

Die verwendeten Materialien zum Nadelbinden waren Schafwolle, Leinen oder Bast. Vorteil dieser Herstellungsmethode ist, dass keine Laufmaschen entstehen.

Nach dieser Einführung in die Geschichte des Nadelbindens ging es nun an die Praxis.

Es wurde zwischen Daumen und Zeigefinger eine „Brezel“ gebildet und mit der „Daumenfangmethode“ (eine Schlinge läuft über dem Daumen) Schlingen gebildet, dann entwickelt sich eine Reihe von Schlingen, in die wieder eingestochen werden kann.

Mit dieser Arbeit waren die Teilnehmerinnen dann mehr oder weniger den Rest des Tages beschäftigt.

Da gab so manches Aha-Erlebnis, wenn plötzlich die Koordination der Finger funktioniert hat.

Da am Samstag Arbeitseinsatz der Freiwilligen der Zeiteninsel war, konnten die Teilnehmerinnen des Workshops freundlicherweise am allgemeinen Mittagessen teilnehmen.

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Die Fortgeschrittenen konnten sich auch ihren Projekten widmen und sich bei Fragen Unterstützung durch die Kursleiterin holen.

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Sonntag trafen sich die Teilnehmerinnen erneut voll motiviert auf dem Gelände der Zeiteninsel und setzten sich bei schönstem Sonnenschein mit Blick auf den See nach draußen mit ihrer Handarbeit.

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So ging es entspannt zum nächsten Lernschritt, dem Herstellen einer „Rosette“ (Luftmaschenreihe, die zu einem Ring geschlossen wird), aus der dann eine Mütze gearbeitet werden konnte. So lernten die Teilnehmerinnen auch das Zunehmen von Maschen.

Die Zeit verging wie im Flug und schnell war klar – da heißt es dran bleiben.

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Alle Teilnehmerinnen hatten viel Spaß, das Wetter war gut und die Zeiteninsel im Frühling ist ein wunderbarer Anblick.

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Danke an Peggy Meinert für ihre Geduld. Eine Wiederholung ist gewiss.

https://de.wikipedia.org/wiki/Nadelbinden

http://www.ars-replika.de/1__Jahrhundert/1__Jh__Handwerk/Textilhandwerk/Nailbinding/nailbinding.html

Fotos: Meike Schuler

Ein „Knochenjob“

Die Materialien Knochen, Mammut-Elfenbein und Geweih waren schon in der Steinzeit gebräuchlich für die Herstellung von Speerspitzen, Nadeln, Schmuck und Kunstgegenständen.

 

Ein berühmtes Kunstwerk ist der aus einem Mammut-Stoßzahn geschnitzte „Löwenmensch“, der vor ca. 40 000 Jahren auf der Schwäbischen Alb in einer Höhle deponiert wurde.

Der Archäo-Techniker Wulf Hein, der von diesem Löwenmenschen auf möglichst originale Weise eine Replik hergestellt hatte, war am vergangenen Wochenende bei der Zeiteninsel zu Gast für einen Workshop der besonderen Art: „Knochen-Bearbeitung mit steinzeitlichen Werkzeugen“. Zu diesem Kurs hatten sich 10 interessierte Teilnehmer angemeldet, die zwei Tage lang in die Techniken der Steinzeit eintauchen wollten.

Wulf Hein brachte diverse Materialien zum Schnitzen mit: Rentierknochen, Reh- und Hirschknochen, Stücke vom Mammut-Stoßzahn und Knochen vom Elch.

Zum Schnitzen wurden direkt vor Ort Steinwerkzeuge aus Feuerstein für die Teilnehmer – je nach Bedarf – hergestellt. Es war sehr interessant, zu sehen, wie für jede spezielle Tätigkeit das passende Werkzeug hergestellt und nach Abnutzung wieder geschärft werden konnte. So entstanden Sägen, Schaber, Stichel und Bohrer aus Abschlägen.

Zu Beginn des Kurses präsentiere Wulf Hein Repliken von Gegenständen aus Knochen und alle waren voller Bewunderung für die Tierdarstellungen und die Knochenflöte.

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Nun konnten die Teilnehmer selbst wählen, welchen Gegenstand sie herstellen wollten. Dann wurden entsprechend Knochen verteilt und besprochen wie diese weiter bearbeitet werden sollten. Wulf Hein riet dazu die Knochen anzufeuchten bzw. während der Bearbeitung immer wieder zu wässern; so lassen sie sich wesentlich leichter mit dem Feuerstein in Form bringen.

Für die Herstellung einer Knochennadel werden zunächst zwei Rillen parallel auf dem Knochen angelegt unddscn3853_snapseed diese dann durchgesägt, danach wird das Stück an den Enden abgesägt.

Aus dem langen Knochenspan wird nun eine Nadel herausgefeilt, doch zunächst wird das Loch für die Öse gebohrt. Knochennadeln sind seit ca. 40 000 Jahren in Europa nachgewiesen. Sie haben allerdings erst seit ca. 20 000 Jahren ein Nadelöhr.

Knochennadeln wurden bevorzugt aus dem Mittelfußknochen des Rentiers hergestellt.

Das Öhr entsteht durch beidseitiges Bohren und Einschneiden. Mit Hilfe eines Sandsteines wird die Spitze zugefeilt. Wenn eine Knochennadel nahe dem Ende abbrach, konnte sie nachgearbeitet und dann weiter genutzt werden.

Schön ist die Aufbewahrung von Nadeln in einem Behälter aus Knochen oder Geweih.

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Zwei Teilnehmer entschieden sich eine Knochenflöte herzustellen. Das originale Vorbild stammt aus Grubgraben in Österreich und ist ca. 20 000 Jahre alt.

Die Flöte wurde aus dem Scheinbeinknochen eines Rentiers hergestellt. Zuerst wurden die beiden Gelenkköpfe oben und unten abgesägt und die Schnittkanten mit Hilfe eines Sandsteines geglättet.

Dann wurden drei Löcher in den Knochen gebohrt, pro Loch benötigte eine Teilnehmerin ca. eine Stunde. Danach wurde das Mundstück dünn abgeschliffen und am Ende des Tages konnte ein erster musikalischer Test erfolgen.

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Ein weiteres „musikalisches“ Highlight war die Herstellung von Schwirrern durch zwei Teilnehmer.

Ein Schwirrer oder Schwirrgerät ist eines der ältesten Instrumente zur Erzeugung von Tönen. Es ist schon seit der Altsteinzeit bekannt, jedoch unklar, wozu es diente: als Musikinstrument, als Gerät zur Nachrichtenübertragung oder im religiösen Kontext?

Hierfür muss eine längliche Knochenplatte aus dem Knochen herausgearbeitet werden, die an beiden Enden oval zugespitzt wird. Für das Befestigen der Schnur wird noch ein Loch gebohrt und die herausgearbeitete Fläche eignet sich gut zum Anbringen eines Musters durch Einritzungen, die mit Holzkohle eingefärbt werden können.

In der Teilnehmergruppe wurden zwei Schwirrer hergestellt, die beide hervorragend funktionieren. Das weckte zum Schluss des Tages den einen oder anderen Wunsch zur Nachahmung, obwohl die Hände durch die ungewohnten Tätigkeiten doch recht arg beansprucht waren.

Am zweiten Tag ging es dann auch gleich voller Tatendrang weiter mit Bohren, Sägen und Polieren, die Teilnehmer hatten sich wieder viel vorgenommen.

Im Laufe des Tages kamen immer wieder interessierte Zuschauer vorbei, die sich über die Inhalte und vor allem die Ergebnisse des Workshops informieren wollten.

Es wurden Schmuckstücke aus Mammutelfenbein hergestellt und sofort fiel den Akteuren der Unterschied zu Knochen auf – das Material ist viel härter und lässt sich schwieriger bearbeiten – da dauert das Durchbohren einer Perle dann doch gleich über vier Stunden.

Während der Arbeit kamen Diskussionen über den Arbeitsalltag in der Steinzeit auf, über Arbeitsteilung, Spezialisierung usw. Durch das Arbeiten mit steinzeitlichen Materialien und Methoden bekommt man einen anderen Blick auf die Herstellung von Gegenständen wie Pfeilspitzen oder Nadeln.

Das Thema Fischfang muss auf der Zeiteninsel, direkt am Wasser gelegen, auch aufgegriffen werden und so stellte eine Teilnehmerin einen Angelhaken her und ein Teilnehmer schnitzte eine kleine Querangel aus einem Knochenrest.

 

Eine andere Teilnehmerin schnitzte aus Mammutelfenbein ein Frauenidol, nach dem Vorbild der „Venus von Gönnersdorf“, ca. 15 000 Jahre alt.

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Mühselig war die Herstellung von Speer- bzw. Harpunenspitzen, die auch zunächst aus dem kompletten Knochen als „Platte“ herausgearbeitet werden mussten, bevor dann mit der Feinarbeit des Zuspitzens begonnen werden konnte. Diese Projekte dauerten die kompletten zwei Tage des Workshops.

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Einige Teilnehmer stellten Ahlen oder Pfrieme aus Knochen her. Dieses Allround-Werkzeug zum Stechen von Löchern in weichere Materialien ist z.B. notwendig, um Leder für das Nähen mit der Knochennadel vorzubereiten, denn die Spitze einer Knochennadel ist in ihrer Stabilitädscn3880t nicht mit einer heutigen Nähnadel zu vergleichen.

Auch „Ötzi“ hatte eine solche Knochenahle bei sich.

Am Ende des zweiten Tages waren viele Objekte fertiggestellt und andere noch in der Fertigungsphase – die Teilnehmer wollen in jedem Fall „dranbleiben“ und weiter mit dem Material Knochen/Geweih arbeiten.

Wir danken Wulf Hein für diesen inspirierenden Kurs, seine Erfahrung und sein Wissensschatz, auch über die Knochenbearbeitung hinaus, hat uns sehr motiviert und wir hoffen, ihn auch im kommenden Jahr wieder für einen Workshop auf der Zeiteninsel gewinnen zu können.

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Fotos: Meike Schuler-Haas und Anke Udelhoven